17/08/12

Zeit als Raum

Auf der Suche nach der geologischen Zeit. Eine Ausstellung von Rosa Barba im Kunsthaus Zürich.

von Dietrich Roeschmann
Thumbnail

Auf der Suche nach der geologischen Zeit. Eine Ausstellung von Rosa Barba im Kunsthaus Zürich.3654perspective.jpg

Der dumpfe Lärm, der sich derzeit in verschleppten Industrial Sounds und sonor brummenden E-Gitarren-Feedbacks durch das Foyer im Kunsthaus Zürich quält, weist den Weg. Kein Rhythmus strukturiert den sämigen Klangbrei – bis man im dunklen Raum neben der Kasse steht, aus dem er quillt. Auf einem diagonal hängenden Screen flackert eine texanische Wüstenlandschaft, in der Hunderte von Ölpumpen vor sich hin nicken. Das endlose Förderfeld, vom Hubschrauber aus gefilmt, reicht bis zum Horizont. Es fällt schwer, sich dem Sog dieser Szenerie zu entziehen: Gemächlich heben und senken sich die hammerförmigen Pumpenköpfe, jeder in seinem Rhythmus; zugleich entwickeln sie in der Masse die träge Dynamik eines wogenden Kornfelds, die die gesamte Landschaft in zeitlupenartige Bewegung versetzt. Auch die Kamera, die darüber gleitet, kennt keinen Stillstand. Aus der Vogelperspektive vermisst sie die Weite dieses apokalyptischen Terrains in großen Schlaufen, während das Rattern des 35mm-Projektors, der ihre Bilder auf den Screen im Kunsthaus projiziert, die stumme Bewegung der Maschinen synchronisiert. „Time as Perspective“ hat die italienische Künstlerin Rosa Barba diese Arbeit genannt. Sie bildet das Herzstück ihrer Zürcher Ausstellung, in der sie mit den Mitteln des Films – als Medium und Material – den Möglichkeiten einer räumlichen Erfahrung von Zeit nachspürt. Was sie interessiere, sagt die 40-jährige im Interview, sei „eine Art tiefere geologische Zeit“, vergleichbar mit der Belichtungszeit einer Fotografie, „aber so aufgenommen, dass sich einem die Tiefe und die Architektur einer Bewegung oder eines Ereignisses mit all ihren Veränderungen erschließen.“ Die Versuchsanordnungen, die sie dafür wählt, sind denkbar kompliziert und entwickeln ihre hypnotische Spannung aus der Dialektik von Material (inklusive dem Sound der Hardware) und Bildinformation. Bei „Boundaries of Consumption“ etwa, einer ausgeklügelten Konstruktion, bei der zwei Stahlkugeln – von einem Endlosfilmstreifen in Bewegung gesetzt – auf einem Stapel Büchsen tanzen, sorgt der permanente Kontakt des Films mit dem Metall für die sukzessive Zerstörung des Zelluloids. Der Projektor, durch den der Film läuft, dokumentiert diesen Prozess, indem er in seinem Lichtkegel sowohl die Ursache als auch ihre Wirkung als Schattenspiel sichtbar macht. Am Ende dürften die Kugeln vor dem zerkratzten Hintergrund ebenso wenig mehr zu erkennen sein, wie sich die Geschichte an der Wand im Nebenraum entziffern lässt, die eine in einen Projektor eingespannte Schreibmaschine in Echtzeit auf Zelluloid tippt („Space-Length-Thought“). Genau das aber macht Barbas Arbeiten so faszinierend: sie liefern präzise Modelle einer Verräumlichung von Zeit.

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1, ZÜrich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 9. September 2012.
Am 29. August 2012 findet ab 18.00 Uhr ein Gespräch mit Rosa Barba statt.
Kunsthaus Zürich