16/12/14

Am Anfang der Kreisbewegung

Film satt: Das Kunsthaus Zürich zeigt Arbeiten des venezolanischen Künstlers Javier Téllez

von Aline Juchler
Thumbnail

tellezschadow.jpgtellezschadow.jpg

Javier Téllez, Shadow Play, 2014, courtesy the artist, Foto: Lena Huber, © Javier Téllez

Film satt: Das Kunsthaus Zürich zeigt Arbeiten des venezolanischen Künstlers Javier Téllez

Wo ansonsten im Kunsthaus Zürich die Skulpturen Giacomettis zu sehen sind, hat man nun die Lichtquellen gedimmt und Schaumstoffpaneelen und Sitzmöglichkeiten aufgestellt. Um zwei exklusiv für das Kunsthaus realisierte, neue Filme des venezolanischen Künstlers Javier Téllez (*1969) zu zeigen, wurde ein Teil der Museumsräume kurzum zu Filmkammern umfunktioniert.

Téllez, der ursprünglich eine Filmschule absolvierte, ist bekannt für Filmprojekte, welche in enger Zusammenarbeit mit Laien entstehen. Er nahm es sich zur Aufgabe, denjenigen eine Stimme zu geben, deren Geschichte normalerweise nicht erzählt wird, wie zum Beispiel körperlich Beeinträchtigten, psychisch Kranken oder wie in den neusten Arbeiten Flüchtlingen. In Workshops erarbeitet Téllez zusammen mit ihnen Inhalt und Drehbuch und lässt ihnen so die Möglichkeit mitzugestalten.

Das Herzstück der Schau sind „Bourbaki Panorama“ und „Shadow Play“ – auch im wörtlichen Sinne, denn die Installation der beiden 35mm-Filme befindet sich im mittleren Raum. Zwei Leinwände sind im Zentrum aufgestellt, auf je einer Seite läuft ein Film. Hier wird Besuchern deutlich, dass das Bewegtbild eine sehr physische Angelegenheit sein kann: Das Rattern der zwei mannshohen analogen Projektoren beherrscht den Raum, es riecht nach Technik und die Apparate geben Wärme ab – all das sind Gründe, warum man die Geräte aus den Projektionsräumen verbannte, heute dient eine solche Positionierung als Statement und der Nostalgie. In den Räumen rundherum sind als Ergänzung vier weitere Filmarbeiten aus den letzten zehn Jahren in digitalen Projektionen zu sehen, unter anderem auch die Arbeit „La Conquista de Mexico“, welche der Künstler für die dOCUMENTA (13) realisierte. Alle sechs Werke bieten zusammen fast drei Stunden Filmmaterial.

„Bourbaki Panorama“ hat Téllez in Luzern am gleichnamigen Ort gedreht, mithilfe von 22 Flüchtlingen, die heute in der Schweiz leben. Das 112 Meter lange Rundbild von 1881 zeigt die französische Armee bei ihrem Übertritt in die Schweiz am Ende des Deutsch-Französischen Krieges; es ist Winter und die Zivilbevölkerung bietet Hilfe in Form von Decken und Nahrung, was den Anfang der humanitären Tradition der Schweiz markiert. Téllez stellt diese historischen Umstände der gegenwärtigen Situation von Asylsuchenden gegenüber, indem sie im Film wie in einer Endlosschlaufe im Gegenuhrzeigersinn vor dem Panorama vorbeischreiten. Dies geschieht ohne Dialog, ohne Regung im Gesicht, als seien sie sich der Tatsache bewusst, dass sie im Kreis gehen, sich kein wirkliches Ziel, keine wahre Ankunft auftun wird. Ein weiterer (kunst)historischer Referenzpunkt kommt durch „La Main“  hinzu, einer Bronze von Alberto Giacometti von 1947, welche immer wieder den Anfang der Kreisbewegung im Film markiert, wie die unsichtbare Klebestelle, welche den Loop des 35mm-Filmstreifens ermöglicht. Gleich hinter dieser Projektion befindet sich „Shadow Play“, der mit denselben Protagonisten entstand und ebenfalls ohne Ton funktioniert. Die in Form von Schattenspielen geschilderten Kurzgeschichten zu Themen wie Flucht, Kontrolle, Gefangensein oder Hoffnung und Ankunft fungieren wie die bildgewordenen Gedanken der stummen Flüchtlinge auf der anderen Seite der Leinwand.

Téllez weiss genau, was er tut – er fertigt präzise Filme an, die Mut zu Experimenten in Sachen Erzählform und Beteiligung von Laien beweisen, jedoch in ihrer Form nichts an Sorgfalt einbüssen. Seine Filme haben etwas sehr Dokumentarisches, sind in ihrem Stil nicht aufregend oder effekthascherisch. Es lohnt sich sehr, die Ausstellung mehrere Male zu besuchen, um alle Filme in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Genau an dem Punkt wird es spannend, wenn sich formale und inhaltliche Parallelen zwischen älteren und neuen Arbeiten auftun.       

 

Javier Tellez: Shadow Play.

Kunsthaus Zürich

Heimplatz 1, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch und

Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 4. Januar 2015.

 

 

 




Kunsthaus Zürich