14/12/14

Das Werk als Symptom

Die Ausstellung "One Million Years" im Museum für Gegenwartskunst erzählt vom System als Ordnungsprinzip

von Yvonne Ziegler
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Simon Starling, autoxylopyrocycloboros, 2006,  Courtesy the artist, Ausstellungsansichten Museum für Gegenwartskunst, Basel, 2014: Gina Folly

Die Ausstellung "One Million Years" im Museum für Gegenwartskunst erzählt vom System als Ordnungsprinzip

Simon Starling gehört zu jenen Künstlern, die absurde Handlungen vornehmen, über die man eigentlich nur den Kopf schütteln kann. Oft betreibt er zu viel Aufwand für eine kleine Sache, verschwendet seine Lebenszeit und Energie für scheinbar Nichtiges. Aber so ist es nicht. Er verdeutlicht, wie die unsichtbaren Rädchen eines Systems ineinandergreifen, wie etwas scheinbar automatisch funktioniert oder was es braucht, um eine Ordnung zu durchbrechen und infrage zu stellen. Seine Werke werden zu Symptomen, welche die Grenzen und Gesetze eines Systems sichtbar machen, ganz im Sinne seines gesellschaftlichen Auftrags als Künstler.

In der Ausstellung „One Million Years“ im Museum für Gegenwartskunst Basel zeigt Starling die Diashow eines Dampfbootausflugs über die Meeresbucht Loch Long in Schottland. Die Überfahrt hat er einer selbstgestellten Regel unterworfen. Die Holzteile des Bootes sind möglichst schnell und vorsichtig abzusägen und in den Dampfkessel zu stecken, sodass das Boot das andere Ufer erreicht, ohne unterzugehen. Seine Fahrt ist zum Scheitern verurteilt, da das Boot nicht genug Holz besitzt, um rechtzeitig vor dem Wassereinbruch im Motor verbrannt zu werden. Und weil man dies schon ahnt, bleibt man gebannt stehen, um das Ende mit anzusehen und denkt vielleicht, dass häufig sinnlose Systeme aufrechterhalten werden, auch wenn die Sache eigentlich schon verloren ist. Nun ja, manchmal glückt es ja auch noch.

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On Kawara, One Million Years, Foto: Bisig & Beier

Der Titel der Ausstellung ist On Kawaras poetischem Mammutwerk „One Million Years“ entliehen, für das er zuerst eine Million Jahre zurück und dann eine Million Jahre voraus Jahreszahl um Jahreszahl in 20 ledergebundene Bände eintrug. Ausgehend davon vereint die Gruppenschau Werke, die schöne, vertraute, merkwürdige und einer ästhetischen Eigenlogik folgende Ordnungen vorführen mit solchen, die unsichtbare gesellschaftliche Systeme und Normen offenbaren. Zu den eindrücklichsten Arbeiten zählt Christian Boltanskis Film „Versuch einer Rekonstruktion der 46 Tage, die dem Tod von Françoise Guiniou vorausgingen“ über eine offensichtlich psychisch kranke Frau und ihre Kinder, eingeschlossen in der Anonymität des sozialen Wohnungsbaus. Octavian Trauttmansdorff nimmt die Möblierung einer städtischen Resozialisierungswohnung auseinander, um aufzuzeigen, dass die Wiedereingliederung von ehemaligen Straftätern, Drogenabhängigen oder psychisch Kranken ins gesellschaftliche System mit der Normierung des Wohnens anfängt. Thomas Demand fotografiert einen minutiösen Nachbau jener Sicherheitsschleuse, die Mohammed Atta auf dem Flughafen Portland passierte, bevor er eines der Flugzeuge entführte, die am 11. September 2001 in das World Trade Center flogen. Damals hat das Kontrollsystem von Überwachungskameras und Sicherheitsvorkehrungen jedenfalls versagt. Und Heimo Zobernig stellt eine Drehtür aus Normspanplatten auf quadratischem Grundriss in den Raum, die sich beängstigend verengt und ihre Funktion negiert, ein angenehmes und kollisionsfreies Betreten und Verlassen größerer Gebäude für Massen zu garantieren.

 

Undurchschaubar wirkt Katharina Fritschs Präsentation von acht Gegenständen auf einem achteckigen Tischgestell. Das alltäglich Vertraute wird zum künstlich Konstruierten. Seriell sich wiederholende Formordnungen aus Bleistift- bzw. Farbstreifen oder Wabenstrukturen prägen die Reliefs und Gemälde von Sol LeWitt, Josef Albers und Jan J. Schoonhoven, konzeptuell mathematische Kalenderkombinationen liegen Hanne Darbovens raumfüllender Installation „Webstuhlarbeit“ zu Grunde, während Bruce Nauman mittels einer in Farbe und Ausrichtung wechselnden Videoinstallation das nächtliche Treiben von Tieren in seinem Atelier zeigt, die eine andere Raumnutzung sichtbar machen. Es gibt eben nicht nur die Perspektive des Menschen. Wir leben in Systemen: Sie sind schön, mächtig und unsichtbar. Es bedarf der Abweichung, um sie zu erkennen und zu hinterfragen.  

 

One Million Years – System und Symptom.

Museum für Gegenwartskunst Basel

St. Alban-Rheinweg 50, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 6. April 2015

 

 




Museum für Gegenwartskunst Basel