21/08/12

Im Bildrätsel

Man kann sie nicht bis ins Letzte fassen. Doch ein Gang über die "Weltkunstschau" documenta (13) lohnt sich.

von Annette Hoffmann
Thumbnail

Man kann sie nicht bis ins Letzte fassen. Doch ein Gang über die "Weltkunstschau" documenta (13) lohnt sich. 4313metzger.jpg

Schönes Wetter hilft. Doch auch wenn strahlendes Sommerwetter erlaubt, mit Muße jeden der gut 150 Pavillons in der Karlsaue zu besichtigen und wenn es einlädt, einfach weiterzulaufen und neben den klassischen Documenta-Orten auch den Bunker im Weinberg und das Hugenottenhaus noch mitzunehmen, selbst dann hat man längst nicht alles gesehen. Die documenta (13) und ihre künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev nehmen die Überforderung des Betrachters in Kauf, sie kalkulieren sie ein. So unbestimmt Christov-Bakargiev sich im Vorfeld der 100-Tage-Schau gab, was ihr den Spitznamen Maybe einbrachte, so bestimmt entzieht sie die Kunst einer Konsumhaltung, die Buch führt anstatt zu betrachten. Und so unterhält die diesjährige Documenta unter anderem in Kabul, Bamiyan und Kairo Zweigstellen. Unmöglich, sich das alles anzusehen. Die weiteren Schauplätze der documenta (13) sind jedoch mehr als bloße Marotten einer exzentrischen Documenta-Chefin. Unzählige Werke der Ausstellung greifen die Geschichte der Stadt auf, die im Zweiten Weltkrieg aufgrund der Rüstungsindustrie und der mittelalterlichen Fachwerkarchitektur zum Ziel von Bombardierungen und danach Opfer der Stadtplanung wurde. Da ist der Weg von Kassel nach Kabul doch kürzer als man denkt.

Das eigentliche Herzstück der documenta (13), das so genannte Gehirn, das sich in der Rotunde des Fridericianums befindet, spiegelt dies wieder. Kunst ist gefährdet, weil auch das Leben grundsätzlich gefährdet ist. Schlacken, die einmal bronzezeitliche Skulpturen waren und bei einem Angriff auf Beirut im dortigen Nationalmuseum durch die Hitze miteinander verschmolzen, sind hier ebenso zu sehen wie Verstümmelungen von Soldaten im Ersten Weltkrieg und Aufnahmen von Lee Miller in Hitlers Badewanne neben privaten Gegenständen des Diktators und Eva Braun. Zu sehen sind aber auch die fremdartig-schönen baktischen Prinzessinnen, Kleinskulpturen aus dem 2. Jahrtausend vor Christus und Landschaftsbilder von Mohammad Yusuf Asefi, der vor 20 Jahren in Kabul figurative Gemälde mit Aquarellen übermalte und sie so vor der Zerstörung rettete. Das Gehirn hat etwas von einer auratisch aufgeladenen Wunderkammer, die Eva Brauns Puderdose genauso bemerkenswert findet wie den Flussstein, dem Giuseppe Penone einen künstlichen Zwilling geschaffen hat. Man wird sich an viele der Exponate bei einem Rundgang erinnern, die historischen Marionette finden sich ebenso wieder – Wael Shawky hat mit ihnen eine Geschichte der Kreuzzüge aus arabischer Sicht gedreht – wie auch weitere Arbeiten von Gustav Metzger. Ein weiterer Strang wäre die Arte Povera und die Versöhnung von Kunst und Natur. The Brain ist ein Bildessay und breitet sich rhizomartig über die Ausstellung aus.

Das mag man bei einem Gang durch die Ausstellungshäuser und die Karlsaue im Kopf behalten, man muss es aber nicht. Denn plakativ gibt sich die 13. Ausgabe der „Weltkunstschau“ nicht. Auf eine These hat Carolyn Christov-Barkagiev verzichtet, wofür sie im Vorfeld einiges an Kritik erntete. Doch wer eine esoterische Ausstellung befürchtete, kann sich bei einem Gang über die documenta (13) getäuscht fühlen. Die Themen, die anklingen, betreffen unmittelbar die Gesellschaftsordnung, es geht um Herrschaftsstrukturen, auch in unserem Verhältnis zur Natur. Der Gedanke von Zerstörung, Bewahrung und einer möglichen Wiedergeburt, wie er in der Rotunde sich manifestiert, holt einen eher unaufdringlich ein.
Etwa in der Soundinstallation „For a thousand years“ des kanadischen Künstlerpaares Janet Cardiff und George Bures Miller, die ihre Hörer inmitten einer kleinen Waldlichtung mit Geräuschen von Kampfhandlungen, Fliehenden, aber auch dem verklärenden Gesang eines Chores empfängt. Oder auch in Mario Garcia Torres‘ Arbeit „Share-e-Nau - Wondering A Film Treatment“ aus dem Jahr 2006, die Alighiero Boettis One Hotel in Kabul aufgreift. In Faxsendungen berichtet Garcia Torres von seinen fiktiven Recherchen in Kabul und die mehr und mehr im Verschwinden zu enden scheinen. Kaum weniger poetisch ist Garcia Torres‘ reale Intervention: er fand das Hotel zuerst virtuell und renovierte es dann vor Ort in Teilen. Erweitert wird diese Arbeit, die im Fridericianum zu sehen ist, durch eine der gestickten Mappas Alighiero Boettis, die in Kabul angefertigt wurden. Sie waren für die documenta 5 konzipiert, wurden aber nicht fertig und sind nun 41 Jahre später an ihrem eigentlichen Bestimmungsort angekommen. Und in Michael Rakowitz’ „What dust will rise“ verschränkt sich die Zerstörung des Fridericianums und der dort aufbewahrten Bücher mit der Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan. Rakowitz veranstaltete dort mit dem Bildhauer und Restaurator Bert Praxenthaler einen Workshop, um dort die Kalligrafie und Steinbildhauerei wiederzubeleben. Afghanische und italienische Steinmetze rekonstruierten aus Stein Bücher, die 1941 bei der Bombardierung Kassels verbrannt sind. Nun sind sie mit Artefakten, Dokumenten der Zerstörung der Statuen und Kommentaren der Taliban im Fridericianum zu sehen.

Es sind Geschichten wie diese, die beim Betrachter weitere auslösen und die helfen, sich in diesem Documenta-Kosmos zu orientieren. Und vermutlich braucht es dieses erzählerische Potential, um sich einzufinden in eine Ausstellung mit vielen Künstlerinnen und Künstlern, deren Werk in Europa noch weitgehend fremd ist. Dass viele dabei den Faschismus zumindest streifen, hat auch damit zu tun, dass Carolyn Christov-Bakargiev die Künstlerinnen und Künstler ins Kloster Breitenau in der Nähe von Kassel, das während des Zweiten Weltkrieges Durchgangs- und Arbeitslager und danach Umerziehungsinstitut war und das mittlerweile eine Dokumentationsstätte beherbergt. Auch Sanja Iveković befasst sich in der Neuen Galerie mit dem Faschismus. Ausgehend von einem historischen Foto, auf dem stellvertretend für den „widerspenstigen Staatsbürger“ ein Esel diffamiert wird, erinnert Iveković mit Plüschtieren an Menschen, die aufgrund ihrer politischen Überzeugung umgebracht wurden. Es ist keine Kunst zum Selbstzweck, die auf der documenta (13) gezeigt wird, vielmehr Arbeiten, die danach fragen, was Kunst bewirken kann.

Und nun die Hunde? Sie kommen vor. Etwa in Pierre Huyghes lebendig gewordenen Bildrätsel in der Karlsaue mit Bienenvolk und auch in Tue Greenforts Refugium „The Worldy House“ ganz am Ende des Landschaftsparks. Dort findet sich ein Archiv mit Arbeiten über oder mit Tieren, unter anderem auch mit einem proto-feministischen Hundevideo der amerikanischen Künstlerin Lynda Benglis, das Feminismus mit Selbstironie verbindet. Man darf aus der documenta (13) seine Schlüsse ziehen; eine derart anschaulich-sinnliche Gelegenheit bietet sich selten.

documenta (13)
Bis 16. September 2012 in Kassel.
documenta (13)