03/12/14

Heimat ist wo das Herz ist

Ein grotesker Maler-Dialog zwischen Hans Thoma und Marco Schuler in der Staufener Galerie Fluchtstab

von Dietrich Roeschmann
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Marco Schuler, Totentanz, 2014, Courtesy the artist

Ein grotesker Maler-Dialog zwischen Hans Thoma und Marco Schuler in der Staufener Galerie Fluchtstab

Man muss die idyllischen Welten von Hans Thoma nicht mögen, um anzuerkennen, dass sie um 1900 auf eine verquere Weise das waren, was Pop heute ist: Kalkuliertes Begehren, effektvoll inszeniert und zugleich getrieben vom unerschütterlichen Glauben an das Ehrliche, Bodenständige, der sich in der Überzeichnung seiner Sehnsuchtsorte entlud. Diese Bilder gaben der Crowd, was sie verlangte: Tollende Bauernbuben, saftige Wiesen, springende Bäche – eine Parallelwelt abseits der Moderne und unschuldig bis zur Ignoranz. Die Geburt der Massenmedien begünstigte die Verbreitung dieses Bildprogramms bis in den letzten Stubenwinkel und machte Thoma um 1890 endgültig zum Malerstar. Als er 1924 starb konnte er nicht ahnen, dass die Nazis ihn später als den „letzten deutschen Urkünstler“ feiern sollten. Seinem Ruf tat das alles andere gut. Thomas Bilder verschwanden zwar nicht aus den Museen, doch der enthusiastische Ton, in dem einst über sie geredet wurde, wich einer Mischung aus leisem Spott und betretenem Schweigen. In den Wohnstuben hingegen gehörten sie längst zum Alltagsinventar.

Das war auch in der Familie von Marco Schuler nicht anders. Er sei mit Reproduktionen von Hans Thoma aufgewachsen, sagt der 42-jährige Künstler, der zurzeit in Mauchen lebt und zuletzt in einer Aufsehen erregenden Aktion das Gipfelkreuz auf dem Belchen mit einem minimalistischen, aus 30 Papstbänken gezimmerten Kubus einmauerte. Ein knappes Jahr stand seine Skulptur „ORBI“ auf dem Berg und spähte mit seinen kreisrund aus dem Holz gesägten Augenpaaren wie ein Comic-Riese über die Höhenzüge des Schwarzwalds.

Jetzt ist Marco Schuler mit neuen Arbeiten zurück – diesmal als Maler. Zu sehen sind seine Bilder, die nach „ORBI“ entstanden, in der Staufener Galerie Fluchtstab: Rund zwei Dutzend ziemlich grelle, spontane, oft auf bizarre Kürzel reduzierte Landschaften, möbliert mit Kopf stehenden Tannen oder abstrakten Skulpturen, und bevölkert von Zwergen, die mit dem Feuer spielen oder von giftgrünen Nebeln mit glühenden Gespensteraugen. Was sie im Blick haben, ist auf den ersten Blick nur schwer zu glauben: Sechs religiös verbrämte Originalgrafiken von Hans Thoma aus den 1910er-Jahren sowie das museale, 1873 entstandene Gemälde „Chronos und der Tod“, das 1993 im Rahmen einer Schenkung aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in eine Privatsammlung gelangte und daraus kürzlich versteigerte wurde. Selbstvergessen schwebt der alte Chronos hier mit Alpöhi-Bart in der Mitte des Bildraumes und dengelt eine Sense, während ihm der Tod – Blutsuppe löffelnd – über die nackte Schulter grinst. Umflattert von grünhäutigen Elfen wölbt sich unter ihnen: der Schwarzwald. 

„Thoma trifft Schuler“ heisst die ungewöhliche Ausstellung, die aus banalen, formalen Ähnlichkeiten einen ebenso kurzweiligen wie verwegenen Dialog konstruiert. Hier wie dort ragen die Bergkuppen wie dunkle Glatzen in den Bildraum und bereiten eine Bühne für die denkbar verschiedenen Fantasy-Konzepte, in denen beide Maler ihre Projektion von Heimat fassen. Gegenüber dem schrägen, aus einer Mischung von Niedlichkeit und Berserkertum gespeisten Witz, der Schulers Bilder auszeichnet, hat Thoma da zunächst keine guten Karten. Paradoxerwesie aber ist es genau dieser Humor des Maucheners, der einen überraschenden Blickwechsel auf Thoma erlaubt und die unfreiwillige Komik, oder besser: das Trashige seiner idyllischen Scheinwelten auf groteske Weise verstärkt. Dank Schulers zwingender Malerei, die übrigens nicht als Reaktion auf den Schwarzwaldmaler entstand, könnte man sagen: Selten so gelacht vor den Bildern von Hans Thoma.


Galerie Fluchtstab

Kirchstr. 16, Staufen.

Öffnungszeiten: Freitag 15.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 10.00 bis 13.00 Uhr.

Bis 14. Dezember 2014.

 

Marco Schuler an der

Regionale 15: Lebensversicherung.

E-Werk, Eschholzstr. 77, Freiburg.

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag 18.00 bis 21.00 Uhr, Sonntag 15.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 4. Januar 2015.

 

 

 




Regionale
Galerie Fluchtstab