28/11/14

Zonenrandgebiet

Der japanische Fotograf Seiichi Furuya hat mit der Kamera das Genzgebiet zwischen Ost und West erkundet

von Dietrich Roeschmann

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Seiichi Furuya, Staatsgrenze 1981–1983, Spector Books, Leipzig 2014, 72 S., 24 Euro | 39.90 Franken

 Der japanische Fotograf Seiichi Furuya hat mit der Kamera das Genzgebiet zwischen Ost und West erkundet

Als der Basler Soziologe Lucius Burckhardt Anfang der Achtziger die Spaziergangwissenschaft als Methode entwickelte, um den Blick auf die Bedingungen der Wahrnehmung unserer Umwelt zu schärfen, streunte in Österreich zur gleichen Zeit der japanische Fotograf Seiichi Furuya (*1950) mit seiner Kamera durchs Gehölz. Sein Projekt: die Erkundung des Grenzgebiets nahe den ehemaligen Ostblockstaaten. Furuyas Serie „Staatsgrenze“, die anlässlich seiner aktuellen Retrospektive im Heidelberger Kunstverein erschienen ist, lässt die stille Anwesenheit des Kalten Krieges allenfalls erahnen – in pittoresken Grenzdörfern, auf verwunschenen Waldwegen oder auf Äckern, über die der Eiserne Vorhang in Gestalt einer banalen Grasnarbe verläuft. Nur die knappen Notizen über die gelungene Flucht einer tschechischen Familie oder die Verhaftung eines Spaziergängers, der beim Pilzesammeln versehentlich die Grenze zum Warschauer Pakt übertreten hatte, rücken Furuyas unscheinbare Landschaften von den Rändern der Wahrnehmung zurück ins Zentrum der Weltpolitik. Ein Spaziergang durch eine kontaminierte Scheinidylle.




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