25/11/14

Zeugungskraft des Digitalen

Die Kunsthalle Winterthur zeigt Videoinstallationen von Elizabeth Price, die grundlagende Fragen digitaler Wirklichkeit thematisieren

von Heidi Brunnschweiler

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Elizabeth Price, Sunlight, 2013, Filmstill und Installationsansicht Kunsthalle Winterthur, courtesy the artist & MOT International, London/Brüssel

Die Kunsthalle Winterthur zeigt Videoinstallationen von Elizabeth Price, die grundlagende Fragen digitaler Wirklichkeit thematisieren

Die Zweikanal-Projektion „Sunlight“ (2013) der britischen Künstlerin Elizabeth Price (*1966) wird in der Kunsthalle Winterthur in einer fast schwarzen Umgebung gezeigt, während „The Tent“ (2012/13) weiss gerahmt wird. Die Turnerpreis-Gewinnerin von 2012 schafft so immersive Erfahrungsräume von unterschiedlicher Sensibilität. Beide Arbeiten sind durch akustische Signale miteinander verwoben und zeitlich als wechselnde Aktivitäts- und Remote-Phasen aufeinander bezogen. Dadurch wird der Betrachter in eine körperliche Aktivität versetzt, bei der er die massgebliche Verwandtschaft des scheinbar Differenten entdeckt, von off- und online, von Bild und Raum. Die als Gegensätze strukturierten Arbeiten wirken so wie die Verkörperungen eines binären Systems, das durch Interkonnektivität auf thematischer und physischer Ebene neue Erfahrung und Erkenntnis generiert.

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Elizabeth Price, Sunlight, 2013, Filmstill und Installationsansicht Kunsthalle Winterthur, courtesy the artist & MOT International, London/Brüssel

In „The Sunlight“ arbeitet die Künstlerin mit Dias aus einem astronomischen Archiv. Sie wurden zwischen 1875 und 1945 mit Farbtemperaturkameras aufgenommen und vermochten erstmals fürs menschliche Auge die Sonnenaktivität sichtbar zu machen. Price animiert die Bilder digital und erzeugt so den Eindruck einer glühenden, sich permanent drehenden Sonne. Sie nutzt den Effekt unterschiedlicher Farbtemperaturwiedergaben zudem, um Werbebilder – etwa einer Figur mit Wolford „Sundot Tights“ – zu beleben. Die Zeugungskraft des Digitalen wird auch auf der Ebene des Tons manifest: Die Doppelprojektion ist durch ein wiederkehrendes Fingerschnippen gekennzeichnet, das wie ein Schöpfungsakt wirkt: Es werde Licht und es wurde Leben. Es unterbricht sowohl die auf- und abschwellende atmosphärische Singer-/Songwriter-Musik, wie auch den Bilderfluss des meist dokumentarischen Ausgangsmaterials und macht auf den Schnitt als Verfahren der (Post-)Produktion aufmerksam. Die es begleitenden, lange nachhallenden Beckentöne wirken wie Sphärenmusik und gemahnen an die kosmische Dimension der Sonne und die von ihr auf die Erde wirkende belebende Kraft. Die Sonne steht auch in „The Tent“ im Zentrum. Als Verkörperung des weissen Lichtes hat sie für Price nicht nur die Entwicklung des menschlichen Auges ausgelöst, sondern bildet als Summe aller Farben die Totalität optischer Erfahrung. Entsprechend bestimmt die Künstlerin auch das weisse Rauschen als die Gesamtheit des Hörbaren. Es scheint als wolle Price in „The Tent“ die besonderen Bedingungen schaffen, um das weisse Licht und das weisse Rauschen erfahrbar zu machen. So zumindest wirkt die Videosequenz mit weissen Bildern, zu der ein eindringliches sich in der Lautstärke steigerndes Rauschen tost. Die Frage, was „reale Erfahrung“ konstituiert, durchzieht die gesamte Arbeit. Als Grundlage dient ein Zitat mit der These, dass wirkliche Erfahrung in Aktualität und in drei Dimensionen zu Zeiten bahnbrechender technologischer Entwicklungen entscheidend für das Überleben der menschlichen Gattung sei. Price filmt dazu das Künstlerbuch „Systems“ über die britische Systems Group ab und ediert die Aufnahmen mit Spezialeffekten zu raschen, mit Textzitaten überschriebenen Bilderfolgen. Die Versuche der „Systems Group“ Anfang der 1970er Jahre eine neue Formensprache auf einer systemtheoretischen Basis zu konzipieren, wirken im Kontext von Prices Arbeit wie die Präfiguration des Digitalen und seinen Möglichkeiten mit binären Mitteln neue Erfahrungs- und Bildräume zu schaffen.

Hito Steyerl hat in ihrem Essay „Too Much World: Is the Internet Dead“ aus dem Jahr 2010 pessimistisch den Verlust der „echten“ durch Dreidimensionalität gekennzeichneten Erfahrung diagnostiziert. Für sie wird Wirklichkeit heute nicht mehr durch Dinge und Räume, sondern durch digitale Postproduktion von Bildern erzeugt. Price hingegen verschränkt die beiden Modi von on- und offline in ihren Installationen und nutzt sie für neue Konfigurationen von Realitätserfahrungen.   

 

Elizabeth Price.

Kunsthalle Winterthur

Marktgasse 25, Winterthur.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 12.00 bis 16.00 Uhr.

Bis 30. November 2014.




Kunsthalle Winterthur