23/08/12

Die Vorkoster von Informel, Pop und Wild Style

Verspielt, bissig, anti-elitär – eine Ausstellung in der Sammlung Hurrle spürt dem Geist der Künstlergruppe CoBrA nach.

von Yvonne Ziegler
Thumbnail

Verspielt, bissig, anti-elitär – eine Ausstellung in der Sammlung Hurrle spürt dem Geist der Künstlergruppe CoBrA nach.2348lucebert.jpg

Der Kunst um 1950 haben sich in letzter Zeit nur wenige Ausstellungen gewidmet. Umso erfrischender ist es, die Ausstellung „CoBrA international. Momente einer Utopie“ im Museum für aktuelle Kunst der Sammlung Hurrle in Durbach zu besuchen. Sie richtet den Blick auf Malerei, Grafik und Bildhauerei vor den Erweiterungen des Bild- und Kunstbegriffs der Sechzigerjahre und arbeitet den anti-elitären Impetus dieser wichtigen internationalen Künstlergruppe der Nachkriegszeit heraus.

Zum historischen Hintergrund: Am 8. November 1948 schlossen sich im Café Notre Dame de Paris die Belgier Christian Dotremont und Joseph Noiret, die Niederländer Karel Appel, Corneille und Constant und der Däne Asger Jorn zur Künstlergruppe CoBrA zusammen. Später traten unter anderem der Deutsche Karl Otto Götz, der Belgier Pierre Alechinsky und der Niederländer Lucebert hinzu. Der Name CoBrA steht sowohl für die mächtige Giftschlange als auch für die Städte Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam. Gegen Paris, die Grabenkämpfe der Surrealisten und abstrakten Künstler sowie das Kunstestablishment wollten sie einen Zusammenhalt nordischer Künstler setzen, der aus kollektiven Arbeitsformen, subjektiver Spontaneität, kindlicher Naivität, Art brut, Volkskunst und Prähistorie schöpft. Aufgrund von persönlichen Zerwürfnissen bestand die Gruppe zwar nur bis 1951, jedoch lebte der „Spirit von CoBrA“ mehrere Jahrzehnte weiter, was die Ausstellung anhand von Werken unterschiedlicher Künstler deutlich macht. Und schließlich ist nicht zu vergessen: CoBrA gilt als Wegbereiter des Informel, des abstrakten Expressionismus, der Pop Art sowie der Figuration libre, der Transavanguardia und der Neuen Wilden.

Ein Blick auf die ausgestellten Werke offenbart, wie expressiv, unvoreingenommen und unterschiedlich die Künstler arbeiteten. Farbe wurde großflächig pastos oder sehr flüssig dynamisch aufgetragen. Häufig lassen sich nur schwer einzelne Figuren und konkrete Formen ausmachen: hier eine Andeutung eines Kopfes dort eine Zahnreihe oder ein Tier? Auffällig ist das ungelenk wirkende Liniengewirr, mit denen eine Form vielfach umrissen wird bis sich ein Kopf oder ein Gestirn herausschält. Teilweise sind einzelne vereinfacht dargestellte Formen und Figuren autonom über das Blatt verteilt. Aber auch Motive wie Frau, Fisch und Maul, die vom Betrachter zusammengesetzt werden müssen. Andere Künstler verbinden einzelne Formen durch Liniengeflechte und Farbverläufe miteinander, sodass sich erst nach längerem Betrachten Figür­liches erkennen lässt. Auffällig ist der fehlende Tiefenraum. Abstraktes, Symbolisches und Mythisches, Worte, ja ganze Sätze tummeln sich an der Bildoberfläche. Der Einfluss von Paul Klee und Jean Miró klingt an, aber auch von Jean Dubuffet, Willi Baumeister und Max Ernst. Ein Hang zu Deformation und Metamorphose tritt hervor, dem Vermischen von Mensch und Tier, von Figurativem und Abstraktem, von Binnen- und Außenform.

Das Tier galt den CoBrA-Künstlern laut Katalog „als Metapher spiritueller Kraft, als Schutzschild gegen die Vernichtung menschlicher Werte“ und so finden sich nicht selten Vögel, Hunde oder Schlangen in ihren Werken. Insbesondere Jorn stellt oft Mischwesen dar, während der Lyriker und Maler Dotremont häufig mit Schrift arbeitet. Ins Auge sticht auch eine kalligrafische Tendenz. Diese wird an einem Werk Alechinskys deutlich, in dessen Mitte er einen Kreis, ein Quadrat und ein Dreieck gesetzt hat, die eine japanische Tuschepinselzeichnung zitieren. Um das Mittelfeld ist ein bilderzählerischer Fries angebracht, der an Comicstrips erinnert. Die Bildhauerarbeiten sind weniger stark. Interessant sind jedoch die ihnen zugeordneten afrikanische Kultobjekte, die den Formenfundus der Künstler verdeutlichen. Trotz sprühender Vitalität stimmt die Ausstellung nachdenklich: Die Traumata der Kriegs- und Nachkriegszeit sind spürbar, selbst in kindlich verspielten Bildern blitzt das Schwere auf.

CoBrA international. Momente einer Utopie.
Sammlung Hurrle
Almstr. 49, Durbach.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 6. Januar 2013. Sommerpause vom 13. bis 31. August 2012.
Sammlung Hurrle