20/11/14

Im bildtheoretischen Spiegelkabinett der Kopien

Der Leipziger Künstler Oskar Schmidt befasst sich in „The Americans“ mit Walker Evans und Sherrie Levine

von Dietrich Roeschmann

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Oskar Schmidt: The Americans, Distanz Verlag, Berlin 2014, 96 S., 29,90 Euro | 40.90 Franken

Der Leipziger Künstler Oskar Schmidt befasst sich in „The Americans mit Walker Evans und Sherrie Levine

Nach der Großen Depression in den USA dokumentierte Walker Evans von 1935 bis 1938 im Auftrag der Farm Security Administration das Leben verarmter Pächter im ländlichen Alabama. Seine Serie „Let us now praise famous men“ wurde weltberühmt und legte den Grundstein für eine sozial engagierte Fotografie auf der Grenze zwischen Kunst und Reportage. Knapp ein halbes Jahrhundert später gaben seine Aufnahmen erneut den Anstoß zu einer kleinen Revolution: Die US-Künstlerin Sherrie Levine (*1947) fotografierte 1981 einige von Walkers bekanntesten Motiven aus Katalogen ab, stellte sie unter eigenem Namen aus und behaupetete: „Die Kopie ist das Original“. „After Walker Evans“ wurde zu einer Art künstlerischem Gründungsmanifest der Appropriation Art. Der Leipziger Künstler Oskar Schmidt (*1977) knüpft mit seiner eindrücklichen S/W-Serie „The Americans“ nun sowohl an Sherrie Levine als auch an Walker Evans an. Im exakten Nachbau einer der Hütten von Evans’ Fotografien arrangierte er dafür kargen Hausrat zu reduzierten, wunderbar atmosphärischen Stillleben, die sich ihrerseits ständig zu zitieren scheinen. Allein die Menschen fehlen. Irgendwo müssen sie in diesem bildtheoretischen Spiegelkabinett der Kopien, Fakes, Aneignungen und Re-Inszenierungen abhanden gekommen sein.




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