21/11/14

Komposition für Dusche und 3D-Drucker

Der Londoner Künstler und Zurich Art Prize-Träger 2014 Haroon Mirza macht den Strom hörbar

von Dietrich Roeschmann

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Haroon Mirza, Mera Naam Hai, 2014, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, Zürich, Foto: Stefan Altenburger

Der Londoner Künstler und Zurich Art Prize-Träger 2014 Haroon Mirza macht den Strom hörbar

Verglichen mit den knisternden, schmatzenden, zischenden Sounds, die Haroon Mirza gerne alten Blecheimern oder ramponierten Keyboards vom Sperrmüll entlockt, geht es in seiner aktuellen Soloschau im Haus Konstruktiv überraschend ruhig zu. Zu hören ist hier lediglich das leise Rauschen, das aus einem Marshall-Verstärker mitten im Raum dringt. Doch wie so oft bei den mit Hang zu technischem Gefrickel konzipierten Installationen des 36-Jährigen bleibt auch hier unklar, was wir da eigentlich hören: Ist es nun das Eigenrauschen des Verstärkers – oder doch eher das akustische Signal eines Wasserfalls, der als Filmausschnitt im Endlos-Loop über einen auf dem Verstärker platzierten Videoscreen stürzt.

Dieses Verwirrspiel ist typisch für Mirzas Arbeiten, die in ihrer reduzierten Formensprache oft auf spektakuläre, techno-basierte Parallelerfahrungen von Naturgesetzen zielen. Prominentestes Beispiel dafür ist die Installation „The National Apavilion of Then and Now“, für die er an der Venedig Biennale 2011 den Silbernen Löwen erhielt. Sie bestand aus nichts als einem übertaghell leuchtenden LED-Kranz in einem schallisolierten Raum, dessen extreme Strahlkraft ein eindringliches Surren begleitete. Was Mirza interessierte, war genau dieses Geräusch: eine Zufallskomposition für Super-High-Tech-LEDs, ihr Stromrauschen hörbar gemacht durch maximale Energiezufuhr und sauber eingehegt von fett genoppten Schaumstoffreliefs. Dass der Londoner auch anders kann, zeigt er nun in der Schau, die er als Träger des Zurich Art Prize 2014 im Haus Konstruktiv eingerichtet hat. Kaum wahrnehmbar glimmen hier im Erdgeschoss rote und grüne LED-Reihen auf hübsch derangierten Wandobjekten wie Fensterrahmen, Spiegeln oder mit Farbe verklebten Brettern. Den Strom für die Lämpchen generieren Solarzellen, die Mirza auf dem Trägermaterial zu konkret-konstruktivistischen Kompositionen angeordnet und miteinander verkabelt hat. Da das Strahlen dieser abstrakten Bilder von der Intensität des Tageslichtes abhängt, können sie den Wettstreit mit der Natur nur verlieren: Scheint die Sonne, ist es im Raum zu hell, um ihr Glimmen zwischen all den spiegelnden Flächen und schäbigen Untergründen zu erkennen, setzt die Dämmerung ein, dreht ihnen die Natur einfach den Saft ab. Tragik, Komik und Poesie liegen hier so eng beieinander wie in der Videoarbeit „Mera Naam Hai“, die im ersten Obergeschoss läuft – wiederum zwischen gezackten Schaum­stoffreliefs – und drei Laiendarsteller in die Rolle Mirzas zwingt. Hilflos stotternd versuchen sie in Ich-Form Auskunft über dessen Werk zu geben. Vergeblich: Was sie sagen, geht unter im Rauschen einer irrwitzigen Komposition für Dusche und 3D-Drucker, die aus einer raumgreifenden In­s­ta­llation nebenan tönt. Cool.          

 

Haroon Mirza. Zurich Art Prize 2014

Haus konstruktiv

Selnaustr. 25, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 11. Januar 2015.




Haus konstruktiv