29/08/12

Auf der Überholspur nach Utopia

Das Museum Tinguely würdigt den Avantgardisten Vladimir Tatlin mit einer sehenswerten Ausstellung.

von Annette Hoffmann
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Als Bettina Pousttchi vor zwei Jahren in der Kunsthalle Basel eine neue Skulpturengruppe zeigte, konnte man diese gleich als zweifache Hommage verstehen. „Double Monuments for Flavin and Tatlin“ bestanden aus Absperrgittern, die sich in die Höhe schraubten. Bereits Dan Flavin hatte sich Mitte der 1960er Jahre auf Vladimir Tatlins „Modell des Denkmals der III. Internationale“ bezogen. Das Material, das die Berliner Künstlerin verwendete, Absperrgitter, mit denen ansonsten Menschenströme gelenkt werden, dürfte dem russischen Konstruktivisten kaum gefallen haben. Sein in den Jahren 1919/20 entworfenes Denkmal war Form und Symbol eines mehrteiligen Volksorganismus, dessen Repräsentationen – die Exekutive, die Legislative und das Propagandabüro – dort ihre Wirkungsstätte gefunden hätten. Überhöht geworden wäre diese 400 Meter hohe Konstruktion zudem durch die kosmischen Gesetzmäßigkeiten, die die Rotationsgeschwindigkeiten der drei Baukörper spiegelten.

Das Denkmal wurde nicht nur nie umgesetzt, auch die Modelle verschwanden. 1968 ließ Pontus Hultén das Modell für eine Ausstellung im Moderna Museet Stockholm rekonstruieren. Einzig historische Fotos und Berichte eines damaligen Assistenten standen beim Nachbau zur Verfügung. Überhaupt war die Werklage, nicht zuletzt bedingt durch den Kalten Krieg, dürftig. Eine Dokumentation des Denkmals war bereits 1961 in Amsterdam in einer von Hultén kuratierten Schau unter anderem zusammen mit Werken von Daniel Spoerri und Jean Tinguely zu sehen. 51 Jahre später hat man im Museum Tinguely den Faden aufgegriffen und würdigt mit der Ausstellung „Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt“ den Künstler der russischen Avantgarde (1885-1953). Wer sich mit Vladimir Tatlin befasst, muss sich auch mit dem dessen Mythos auseinandersetzen. Und dieser entstand früh. Auf der Berliner Dada-Ausstellung ließen sich George Grosz und John Heartfield 1920 mit einem Transparent fotografieren, auf dem „Die Kunst ist tot. Es lebe die neue Maschinenkunst Tatlins“ stand. Bilanziert man sein Werk, gehört Tatlin nicht zu den erfolgreichen Künstlern: das Denkmal wurde nie gebaut, sein Flugapparat „Letatlin“ war nicht funktionsfähig, viele seiner Konterreliefs sind verschollen, größte Akzeptanz erreichte er womöglich mit seinen Bühnenbildern. Das Basler Tinguely Museum trägt dem Rechnung, indem es neben einer Reihe von Originalen Modelle und Rekonstruktionen zeigt – das Modell des Denkmals der III. Internationalen in zweifacher Ausführung – und dies zum Thema macht.

Was Tatlin für die zeitgenössische Kunst zum Fluchtpunkt werden lässt, ist die Konsequenz, mit der seine Kunst für eine gesellschaftliche Utopie steht. Tatlin hat die westliche Avantgardebewegung links überholt. Seine malerischen Anfänge sind noch an Cézanne orientiert, 1911 entsteht etwa ein Selbstporträt als Matrose, das den Bildraum bestimmt und stilisierte Gesichtszüge aufweist oder im gleichen Jahr ein Fischverkäufer vor einem dynamischen Hintergrund. Dann, 1914 erfolgt ein radikaler Schnitt. Tatlin schafft Reliefs, die oft über Eck gespannt waren. So durchzieht eine Art Takelage von sechs Seilen, die am unteren Ende zusammengeführt werden, Metall- und Holzelemente. Nicht selten wölbt Tatlin diese einfachen Materialien durch Zugkräfte und verlässt so die Fläche. Tatlin ist Universalkünstler der Revolution – erst während der Stalinistischen Säuberungen 1936 verliert er, abgesehen vom Theater, seine Wirkungsmöglichkeiten. Viele seiner Werke sind weniger von einem mechanistischen Weltbild bestimmt als von Alltagserfahrungen. Sein Fluggerät „Letatlin“ entwickelt er nach Beobachtungen des Vogelflugs, die er als Matrose auf See gemacht hatte. Auch einige seiner Reliefs erinnern an die Segel eines Schiffes. Und obwohl Tatlin nicht nur hinter der Revolution steht, sondern auch als Künstler an der neuen Gesellschaftsordnung mitarbeitet, so wird er zwischen 1918 und 1920 das Atelier für Raum, Konstruktion und Farbe an den Freien staatlichen künstlerischen Werkstätten leiten, sind seine Werke doch autonome Kunst geblieben. Wie selbstverständlich wird „Letatlin“ 1932 im Moskauer Puschkinmuseum neben dem Abguss von Michelangelos David gezeigt. Zweifellos ein Kunstwerk, aber auch ein Denkapparat.

Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt.
Museum Tinguely

Paul Sacher-Anlage 1, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 14. Oktober 2012.
Katalog zur Ausstellung bei Hatje Cantz, 240 S., 39,80 Euro | 52 Franken.
Museum Tinguely