12/11/14

Vertracktes Spiel mit der Wahrnehmung

Die Ausstellung "How the Tangible shapes the Mind" verwandelt den Kunstverein Nürnberg in ein Labor der menschlichen Sensorik

von Regina Urban
Thumbnail

tangiblesinstallation.jpg

Natalie Häusler, Case Mod, 2013, Installationsansicht Kunstverein Nürnberg, courtesy the artist & Suppertico Lopez, Berlin, Foto: Annette Kradisch

Die Ausstellung "How the Tangible shapes the Mind" verwandelt den Kunstverein Nürnberg in ein Labor der menschlichen Sensorik

Ein bisschen kommt man sich vor wie in einem Versuchslabor, obwohl das Entree des Kunstvereins Nürnberg hübsch bunt und verspielt ausfällt. Die aktuelle Ausstellung ist eine Herausforderung, die teilweise auch zur strapaziösen Erfahrung werden kann (und soll). Die bunt bemalten Bodenplatten, die Natalie Häusler ausgelegt hat, führen gewissermaßen aufs Glatteis, zumindest sind sie kein wirklich stabiler Grund. Ohne festen Rahmen verschieben sie sich leicht, wenn man darüber läuft – bis in den Ausstellungsraum, wo den Besucher Stimmengewirr empfängt. Aus kleinen Lautsprechern – aufgestellt vor Tiffany-Glasscheiben – hört man Gedichte der Künstlerin. Doch verstehen tut man sie allenfalls, wenn man sein Ohr nah an eins der Geräte hält. Die Texte gibt es auch auf Pergamentpapier, doch Muße zum Nachlesen oder genauen Hinhören lässt einem die Installation kaum. Das Stimmenwirrwarr wird zur akustischen Attacke – Häuslers Werk, optisch attraktiv inszeniert, zielt klar auf Überforderung.

„How the Tangible Shapes the Mind“ (Wie das Berührbare unser Gedächtnis formt) heißt die Ausstellung, zu der Kunstvereins-Chefin Simone Neuenschwander vier junge Künstler eingeladen hat. Es geht darum, wie unsere Sinneseindrücke unsere Wahrnehmungsmuster und unser Denken prägen – ein Forschungsfeld für Neurologen und Psychologen, das aber auch die Künstler interessiert.

tangiblesmartin.jpg

Daria Martin, Sensorium Tests, 2012, Filmstill, © the artist, courtesy Maureen Paley, London

In der Videoarbeit der US-Amerikanerin Daria Martin wird man Zeuge eines nachgestellten Experiments, das sich mit dem Phänomen der „Mirror- Touch-Synästhesie“ befasst. Der Begriff bezeichnet eine Wahrnehmungsstörung, bei der die Betroffenen gesehene Berührungen, die ihrem Gegenüber widerfahren, unmittelbar nachempfinden. In dem Video erhält eine junge Frau sanfte Klapse auf die Wangen, während vor ihr verschiedene Objekte und dann ein Junge auf dieselbe Weise berührt werden. Durch einen Einwegspiegel beobachten zwei Forscher die Probandin. Für den Zuschauer entsteht eine sehr ambivalente Situation. Er wechselt zwischen der Rolle des Voyeurs und der Frau, die zunehmend als Opfer erscheint.

Eine weniger herausfordernde, konzentrierte Arbeit ist das auf eine große Leinwand projizierte Video der Kölnerin Pauline M’barek, die sich mit der Beziehung zwischen visueller und haptischer Wahrnehmung beschäftigt. Vor schwarzem Hintergrund sieht man zwei Hände in weißen Handschuhen, die Objekte abtasten, deren Form und Materialität allein durch die Hände und die schabenden Geräusche erahnbar werden. M’barek spielt damit auch auf Museales an, auf den Umgang mit Artefakten, die der Besucher anschauen, aber nicht berühren darf. Die weißen Hände und der vollkommen dunkle Hintergrund erinnern zugleich an Zauberei und an surrealistische Traumwelten.

Konkret auf einen Surrealisten, auf Salvador Dalí und sein mit Weingläsern behängtes „Aphrodisiac Dinner Jacket“, nimmt der Brite Timothy Davies Bezug. Bei ihm ist es ein weinroter Vorhang, an dem er halbleere Gläser befestigt hat. Die Party ist vorbei, so die Botschaft. Und auch Davies’ andere Arbeiten – ein Bistrotisch, dessen Platte das große DVD-Cover des Films „Before Sunset“ ziert, ein aus Fundstücken gebauter Stuhl, ein barocker Kerzenständer, ein DVD-Player mit steckerlosem Kabel – beschwören Erinnerungen und Gefühle, die nurmehr als Illusion erscheinen.    

 

How The Tangible Shapes The Mind.

Kunstverein Nürnberg / Albrecht-Dürer-Gesellschaft

Kressengartenstr. 2, Nürnberg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 16. November 2014.

Dieser Text erschien zuerst in den Nürnberger Nachrichten.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.




Kunstverein Nürnberg