19/11/14

Mit dem Zeug zur Stilikone

Das Münchener Lenbachhaus feiert die New Yorker Malerin Florine Stettheimer als Vorreiterin der Pop-Art

von Roberta De Righi
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Florine Stettheimer, Asbury Park South, 1920, Sammlung Halley K. Harrisburg und Michael Rosenfeld, New York, NY, Foto: Joshua Nefsky, © 2014 Estate of Florine Stettheimer

Das Münchener Lenbachhaus feiert die New Yorker Malerin Florine Stettheimer als Vorreiterin der Pop-Art

Die Villa Franz von Lenbachs hatte sie einst schwer beeindruckt: Die New Yorker Malerin Florine Stettheimer (1871-1944), die zwischen 1906 und 1914 immer wieder Zeit in München (Schwabing, wo sonst!) verbrachte, bewunderte die Art und Weise, wie der Künstlerfürst seine Gemälde in den Alltag integrierte, wie sie auf Staffeleien neben Bett und Tisch standen. Mit ihren eigenen Werken verfuhr sie später genauso. Jetzt hat das Münchner Lenbachhaus Stettheimer wiederentdeckt und feiert die begabte Exzentrikerin, die als eine Vorreiterin der Pop-Art gilt, in einer opulent inszenierten, kurzweiligen Schau im Kunstbau. Die Ausstellung ist die erste große Retrospektive außerhalb der USA, die Kuratorinnen Karin Althaus und Susanne Böller bereisten etliche amerikanische Privatsammlungen, um die 27 Gemälde sowie zahlreiche Zeichnungen, Bühnenbild- und Kostümentwürfe zu bekommen.

Die Bankierstochter wuchs mit ihren Geschwistern zunächst in New York auf; als der Vater sich von der Familie trennte, zogen Mutter und die fünf Kinder nach Stuttgart und Berlin. 1890 kehrten sie nach N.Y.C. zurück, wo Florine Stettheimer Kunst studierte ‒ ehe die Rest-Familie ab 1898 erneut auf Grand Tour durch Europa ging. Erst 1914 übersiedelte sie endgültig nach Manhattan. Und Mutter und drei Schwestern blieben unzertrennlich: Carrie, Ettie und Florine heirateten nie, verbrachten ihr privilegiertes Leben als weibliche Dandys zwischen Oberschicht und Künstler-Szene.

Florine Stettheimer porträtierte hier ihre Freunde Marcel Duchamp, den Fotografen Baron de Meyer, den Kritiker Carl van Vechten, vor allem aber: ihre Mutter Patiencen legend, die exzentrische Carrie mit Zigarette, die kluge Ettie im roten Kleid. Die Bildnisse allerdings waren nicht ihre Stärke, die Dargestellten leben nur durch Attribute, die Gesichter bleiben maskenhaft. Nur das undatierte, fast altmeisterliche „Porträt einer Frau mit roten Haar“ begeistert. Darüber hinaus war Stettheimer ein Interieur-Maniac. Sie gestaltete ihre Räume ganz in Weiß, drapierte Vorhänge aus Cellophan und ließ etwa Rahmen wie überdimensionierte Kuchen-Spitze machen. Sie liebte Blumenstillleben und hielt das New Yorker Stadtleben in starkfarbigen Wimmelbildern fest. Meist lenkt ein Vorhang oder eine Markise das Auge ins Bild, was den Eindruck verstärkt, es handele sich um Einblicke in eine geschlossene Gesellschaft. Die Farbpalette ist dabei kinderbuchbunt: Knalliges Gelb, Lila, Rot und eher blasses Blau und Grün.

Und alle Figurinen sind von manierierter Schlankheit – androgyne Eleganz wird zelebriert. Ab 1916 fand Stettheimer ihren unverwechselbaren Stil, der sich, wie Karin Althaus betont, kaum mehr weiter entwickelte. Noch unter dem Eindruck der Fauves steht „Picknick at Bedford Hills“ (1918), ein Sommertraum in strahlendem Gelb. „Spring Sale at Bendel’s“ (1921) zeigt die feinen Damen auf Schnäppchenjagd im Schlussverkauf, „Natatorium Undine“ (1927) die „Stetties“ im Wellness-Luxus. Immer wieder, wie beim „Spring Sale“, offenbaren Details Sinn für Humor: Ein gelbes Hündchen am vorderen Bildrand trägt ein Leibchen mit Stettheimers Signatur FS. Nur „Asbury Park South“ (1920) fällt leicht aus dem Rahmen: Der Strandabschnitt war als einer der wenigen in den USA der Rassentrennung für Schwarze offen, Florine und ihr Kreis besuchten ihn, ihr Gemälde zeigt die vermeintliche Normalität dort fast naiv. Später entwarf sie auch Bühne und Kostüme zur Oper „Four Saints in three Acts“, die 1934 von der Kritik gefeiert wurde. Ein eigenes Ballett-Projekt bleibt hingegen unaufgeführt, die hinreißenden Entwürfe sind ebenfalls im Kunstbau zu bewundern.

Doch obwohl Florine Stettheimer „alle Kontakte hatte, machte sie keine Karriere“, erklärt Lenbachhaus-Direktor Matthias Mühling. Sie hatte das Zeug zur Stil-Ikone, aber als Künstlerin blieb sie außen vor. Denn sie lebte ohne finanziellen Druck einen avancierten Eskapismus, schuf sich ihre eigene, versponnene Welt, in der eine fein abgestimmte Ästhetik zum Tragen kommt – jedoch stets die Form die Inhalte dominiert.

 

Florentine Stettheimer.

Kunstbau Lenbachhaus

Luisenstr. 33, München.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Dienstag, 10.00 bis 21.00 Uhr.

Bis 15. Januar 2015.

Katalog: Hirmer Verlag, 192 S., 39,90 Euro | 53.90 Franken.




Lenbachhaus