19/11/14

Stilles Überborden

Grace Schwindt denkt im Badischen Kunstverein über das Wesen der Freiheit nach

von Chris Gerbing
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Grace Schwindt, An Order of Things, 2014, Performance, courtesy die Künstlerin und Zeno X Gallery, Antwerpen
Grace Schwindt denkt im Badischen Kunstverein über das Wesen der Freiheit nach

Der Badische Kunstverein zeigt neuerlich seine Wandlungsfähigkeit in einer außergewöhnlichen, stillen, sehr eindrucksvollen Ausstellung. Im Hauptraum ist eine große Filmarbeit von Grace Schwindt (*1979) zu sehen, der Waldstraßensaal ist nicht betret-, nur erlebbar, und sein Entree wurde von der in London lebenden deutschen Künstlerin subtil verfremdet. Subtil deshalb, weil die Arbeit vom Betrachter Durchhaltevermögen, einen gewissen Ehrgeiz und Leidensfähigkeit abverlangt.

Zu lesen sind Transkripte von Interviews, die Schwindt mit deutschen Migranten in New York führte und die sich mit dem Unterschied von Ost- und Westdeutschland auseinandersetzen. Die Intensität der rund 250 Fragen wird in der Übertragung in den musealen Raum nachempfindbar, denn Schwindt schrieb in akribischer Handarbeit die Antworten auf die Wand. Der Text zieht sich, Türen und Vorsprünge negierend, die Wand um den gesamten Raum herum. Wer lesen will, muss sich bewegen – eine körperliche Interpretation des von Francis Picabia geprägten Satzes, dass der Kopf rund ist, damit das Denken die Richtung wechseln kann?

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Grace Schwindt, The Tiffany Vase, 2014, Ausstellungsansicht Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2014, Foto: Felix Grünschloss, courtesy die Künstlerin und Zeno X Gallery Antwerpen

Symptomatisch ist dieser Raum insofern für das Werk von Schwindt, weil sie performativ arbeitet, Skulptur, Film und Text gleichberechtigt zur Klärung von Fragen um die Themen Erinnerung und Zeitzeugenschaft heranzieht. Oft geht sie dabei nicht nur an die Grenzen des Materials, sondern auch an die physischen Grenzen: Ob dies Vasen sind, bei denen der obere Rand ganz bewusst ausfranst und nicht perfekt ist. Oder ob es die bei der Vernissage über drei Stunden bewegungslos hängende Tänzerin ist, die in Rot glitzerndem Abendkleid über einem weißen „Teppich“ schwebte, der sich bei näherem Hinsehen als Salz entpuppt. Weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz, heißt es bei Schneewittchen, und entsprechend sitzt, lange regungslos, im Schatten fast verborgen, eine schwarz gewandete Rückenfigur, die in regelmäßigen Abständen durch den Raum tanzt. Sie ist die Zauberin, die uns die Idee, aber auch die Illusion des unverletzbaren Körpers vor Augen führt. Damit interpretiert diese bei der Vernissage uraufgeführte Performance den Ausstellungstitel „Only a free individual can create a free society“. Aber man fragt sich unwillkürlich, wie viel Freiheit in diesem hängendem Zustand ist, wie verletzlich nicht nur der eigene Körper, sondern auch das Konstrukt Demokratie ist, in der wir leben. So steckt in dieser Parodie auf Zaubershows nicht zuletzt auch ein politischer Hintergrund, der wiederum aufgenommen wird in dem Film, der der Ausstellung ihren Namen gab.

Ausgangspunkt hierfür war ein Gespräch mit einem politischen Aktivisten, der im Frankfurt der 1960er Jahre an der Studentenbewegung partizipierte. Seinen Bericht ordnet Schwindt in den internationalen Kontext der damaligen Zeit ein. In fünf Szenen halten ihre Protagonisten in einer puppenstubenähnlichen, surrealen Raumsituation mit Ausblick auf eine Großstadt eine Art Geschichtsstunde im Rap-Stil über die Außerparlamentarische Opposition (APO) und die RAF ab. Die spärlichen, teils clownesken Requisiten der Schauspieler tauchen dann im realen Ausstellungsraum wieder auf: Es sind vor allem von der Decke hängende Streifenbilder, in denen Schwindt ihre eigens für Karlsruhe geschaffenen Arbeiten reflektiert.

Grace Schwindt steht mit ihren Arbeiten so in einer Reihe mit Miriam Cahn, Annette Wehrmann und Michaela Mélian, um nur einige Künstlerinnen aus dem abwechslungsreichen Programm des Kunstvereins zu benennen.         

 

Grace Schwindt: Only a Free Individual Can Create a Free Society.

Badischer Kunstverein

Waldstr. 3, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag

11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 23. November 2014.

Zeitgleich ist im Badischen Kunstverein eine Ausstellung von Beate Engls zu sehen, bis 23. November 2014.

 

 




Badischer Kunstverein