17/11/14

Medienkunst trifft Altstadtidylle

Die ausgezeichneten Arbeiten des Wettbewerbs Medienkunstpreis Horb sind jetzt auch in Freiburg zu sehen

von Theresa Gunkel

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Lukas Marxt, Reign of Silence, 2013, courtesy the artist

Die ausgezeichneten Arbeiten des Wettbewerbs Medienkunstpreis Horb sind jetzt auch in Freiburg zu sehen

Jede Sache hat ja bekanntlich ihren Platz im Leben. Zu den Dingen die an mehr als einem Ort ihren Platz finden, lässt sich die Videokunst zählen. Neben den abgedunkelten Ecken stiller Museen begegnet uns die Kunstform vermehrt auch im öffentlichen Raum, beim Schlendern durch die Freiburger Innenstadt, wo in einem Kellerfenster in der Gerberau das Projekt „20 minutes of attention“ schon seit zehn Jahren die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zieht.

Einen anderen Versuch des Aufeinandertreffens von Fußgängern und Medienkunst wagte im vergangen Jahr die Konzeptkünstlerin Monika Golla in Horb. Die Stipendiatin des Antonie-Leins-Künstlerhaus lebt und arbeitet im Herzen der am Neckar gelegenen Kleinstadt. Im Herbst 2013 initiierte sie den Medienkunstpreis Horb, einen bundesweit ausgeschriebenen Medienkunstpreis. Zwölf Videos wurden aus allen eingeschickten Werken von einer Vorjury zu Beginn des Projekts ausgewählt, die dann ein Jahr lang auf einem öffentlichen Bildschirm auf dem Marktplatz der Stadt jeweils einen Monat lang täglich zu sehen waren. Ob Einheimischer, Tourist oder schaulustiger Besucher, kunstinteressiert oder nicht, sie alle kamen mit dem Projekt in Berührung.

Die Klang- und Medienkünstlerin Golla arbeitet selbst ortspezifisch. Ein städtisches Konzept zu entwickeln das mit ihrer eigenen Kunstform einhergeht, lag deshalb nahe. Auch wenn die  öffentliche Präsentation von Videokunst durchwegs kein vollkommen neues Konzept ist, betont Golla wie wenig präsent die Videokunst vor allem außerhalb der Großstädte ist und wie ungewohnt auch der Umgang mit ihr für viele Menschen ist.  „Die Menschen hier sind grundsätzlich aufgeschlossen und äußern gerne ihre Meinung“ erzählt sie. „Es gibt in Horb sehr viele Kunstwerke im öffentlichen Raum, Skulpturen, die unablässig von Passanten und Anwohnern divers kommentiert werden. Weitere klassische Kunstformen haben ihre geschützten Räume im Kunstverein oder Galerie. Videokunst ist in Horb jedoch nicht derart gegenwärtig, der Umgang mit ihr nicht so vertraut.“ Zu Beginn des Projekts herrschte deshalb bei den Anwohnern eher Skepsis, dann folgte die Gewöhnung, vereinzelt das Interesse. Die Aufmerksamkeit bei Pilgern oder Radtouristen, die den Marktplatz erreichten, sei hingegen stets groß gewesen, berichtet die Projektleiterin. In dieser Beziehung habe besonders der Überraschungseffekt zur positiven Resonanz beigetragen. Anders als bei einem geplanten Museumsbesuch begegnen die Passanten der Videokunst hier sozusagen aus Versehen. Genau deshalb lässt die Präsentation der Videokunst im öffentlichen Raum unvoreingenommene Deutungen und Sichtweisen auf das Gezeigte zu, die uns bei einem Museumsbesuch nicht in den Sinn kommen würden. Diese ungezwungene Art der Begegnung, die die Videokunst an Orten wie auf Marktplätzen findet, sieht Golla als eine Voraussetzung, um mit ihrer Präsentation etwas in Bewegung zu setzen. Sei es das Gemüt der Menschen, ihr Weltbild oder der mahnende Zeigefinger. „Meiner Meinung nach gehört Kunst in die Öffentlichkeit - raus aus den Whitecubes und Blackboxes. Gegenwartskunst ist lebendig und sie bewegt. Das ist ihr Sinn“,  so die Künstlerin. Sie sieht den öffentlichen Raum als ein großes und direktes Forum um der der Präsenz von Kunst mehr Selbstverständnis in der Gesellschaft einzuräumen.

Um einen überregionalen Künstlerkreis anzusprechen wurde der Medienkunstpreis Horb bundesweit ausgeschrieben. Der mittlerweile vertraute Anblick der Fernseherecke in der Fußgängerzone wird jedoch im Laufe der Tage verschwunden sein. Auf Grund der  Vereinbarung mit der Stadt und dem Eigentümer des denkmalgeschützten geht mit der Preisverleihung des Medienkunstpreises vergangenen Freitag das Projekt SCHAU!Fenster nun zu Ende und wird deshalb nicht mehr für Interessierte auffindbar sein. Die ausgezeichneten Arbeiten sowie weitere ausgewählte Videoarbeiten sind jedoch ab November in Freiburg zu sehen

Dass die Präsentationen zum Nachdenken anregten, zeigte auch die rege Teilnahme bei der Abstimmung um einen Zuschauerpreis, bei dem der Favorit per Postkartenabstimmung von den Passanten direkt bestimmt wurde. Hier zeigte sich auch die überregionale Reichweite, die mit dem Projekt erzielt wurde.

„Wir hatten wiederholt Abstimmkarten aus Tübingen, Karlsruhe oder Stuttgart. Ich bin nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch bundesweit - per Email - immer wieder darauf angesprochen und angefragt worden. Der Medienkunstpreis hatte in der Tat überregional sehr viel Aufmerksamkeit, manche unken, es wäre fast mehr gewesen als in Horb selbst.“

 

 

Die Preisträger des Medienkunstpreis Horb 2014, die ab November in Freiburg im Rahmen von „20_minutes_of_attention“ zu sehen:

 1. Preis:  Geeske Janßen, 22-29, Video 2012, 7:55 min

„22-29“ zeigt 18 junger Menschen im Alter von 22 bis 29 Jahren während ihnen pornografische Szenen fraglicher Herkunft gezeigt werden. Mit Kopfhörern in den Ohren sitzen die Männer vor blauem, die Frauen  vor rosafarbenem Hintergrund, ihre  Gesichtszüge wechseln von emotionslos bis  angeekelt oder belustigt. Es dauert eine Weile, bis der Betrachter den Verdacht bestätigt bekommt, dass das wahre Spektakel der gezeigten Situation ihm vorenthalten bleiben wird.

Verzweifelt versucht der Rezipient von „22-29“ einen Hinweis auf die gezeigte Situation in den Reaktionen der Gesichter zu erhaschen - vergebens. Schnell wird deutlich, wie wenig Verlass auf die gezeigten Emotionen der Erstrezipienten zu sein scheint. Die völlige Kontrolle in der sich diese zeigen, wirft Fragen auf. Sie lässt die Fassade der angeblichen Ehrlichkeit bröckeln, in der wir die Menschen vor der Kamera vermutet hätten und stellt damit schlussendlich die Glaubwürdigkeit eines ganzen Mediums in ein kritisches Licht.  Wie authentisch kann gefilmtes Verhalten überhaupt sein?


2.  Preis: Lukas Marxt, Reign of Silence, Video 2013, 7:22 min

Ein See in der Arktis, in dem ein einsamer Bootsmann seiner Wege zieht.  In Lukas Marxts „Reign of Silence“ wird der Rezipient zunächst in einen Moment voller Schönheit und Ruhe versetzt, der jedoch jäh gebrochen wird als der Bootsmann über Funk erste Vorgaben zu seiner Fahrtweise erhält. Als er sich in der Mitte des Sees befindet, hört man einen Motor anlaufen, das Boot beginnt größer werdende Kreise zu ziehen und hinterlässt schließlich eine Spirale sprudelnden Wassers, die in sich versiegt.  „Herrschaft der Stille“ heißt das Werk von 2013 übersetzt, eine Herrschaft die in dieser Szene alleine durch den Lärm der Technik gebrochen wird. Das Vorhaben des Bootsmannes, sorgsam geplante Kreise in den stillen See zu ziehen erscheint sinnlos, kurz nachdem die Fahrt beendet wurde sind alle Anzeichen auf seine Existenz verschwunden, der Sprudel des Wassers lässt nach und die Stille regiert wieder.  Die unabdingbare  Rückkehr der Stille in die unwirklich wirkende schwarz-weiße Landschaft lässt auch Gedanken über den Sinn und die Sinnlosigkeit unseres eigenen Tuns zu. Der  kleine Punkt Mensch den der Bootsmann im Verhältnis einer riesigen Fläche Natur darstellt verändert trotz seiner technisch sehr präzise ausgeführten Handlungen nicht viel. Er macht einen Haufen Krach und verschwindet dann wieder,  bis schlussendlich die Stille wieder an der Macht ist.


 2. Preis: Julia Lia Walter, streetreloaded, Videocollage 2012, ca. 6 min

Julia Lia Walters „Streetload” wirkt auf den ersten Blick wie eine bunte Collage aus Wirklichkeit und Phantasie. Während die oberen zwei Drittel des Bildes von einer durchlaufenden Bilderrolle aus wirklichkeitsgetreuen Stadt- und Landschaftsportraits aus verschiedenen Kunstepochen eingenommen werden, wird das untere Drittel der Bilder durch eine gefilmte Straßenszene ersetzt, die wiederum in drei unabhängige Teile untergliedert ist. Es handelt  sich um die gleiche Straße, der Bruch der Unterteilung in drei verschiedene Abschnitte wird nur durch den kontinuierlichen  Gang einer Frau mit Kinderwagen verbunden, die ihren Gang durch die zerstückelte Straßenlandschaft fortsetzt. Die anderen Verkehrsteilnehmer, Autos wie Passanten verschwinden so plötzlich aus dem Bild wie sie hineingekommen sind. Sie haben keine aktive Rolle in der dargestellten Szene und doch sind sie ein wichtiger Part der collageartigen Darstellung in der unsere alltägliche Welt im filmischen Charakter auf die angebliche Idylle malerischen Darstellungen vergangener Zeiten entgegensetzt.


Medienkunstpreis Horb, Preisträger.

artforum3, Insel 3, Freiburg.

Öffnungszeiten: täglich 19.00 bis 22.00 Uhr, Außenprojektion.

Bis 15. Januar 2015.