10/11/14

Künstliche Paradiese

Im Kunsthaus Langenthal setzt sich Technokultur in zeitgenössischen Werken fort, die auf dem Digitalen basieren

von Annette Hoffmann
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Aleksandra Domanovic, From yu to me, 2013, courtesy of the artist

Im Kunsthaus Langenthal setzt sich Technokultur in zeitgenössischen Werken fort, die auf dem Digitalen basieren

Es fühlt sich falsch an. Techno wurde nicht dazu gemacht, um auf dem Stuhl sitzend mit Kopfhörern gehört zu werden. Auf dem Monitor verändern sich zu den Beats unaufhörlich die Umrisse eines Hauses. Eine barbusige Frauenfigur mit Perücke dreht sich um sich selbst, wenn sie das nächste Mal zu sehen ist, wird sie sich in einem Gebäude wie aus einem Computerspiel befinden. Die Musik wird in langsamen sich wiederholenden Mustern immer hypnotischer. Komisch eigentlich, dass die Videos zu der Musik, die die Tanzenden zu einer zuckenden Masse vereinte, derart solipsistische künstliche Paradiese generierte.

Im Raum, in dem diese Kompilation läuft, zeigt sich, warum die Ausstellung „Megarave. Metarave“ im Kunsthaus Langenthal zu sehen ist. In unmittelbarer Nachbarschaft fanden 1993 die ersten Raves statt. Roggwil hatte damals kaum andere Vorteile, als von allen Richtungen gut erreichbar zu sein und über ein verlassenes Fabrikareal zu verfügen. Bis 2001 dauerte die Party, die bis zu 12.000 Raver aus ganz Europa auf das alte Gugelmannareal führte. Plakate warben 1994 mit „12 hours non stop“ – kein Wunder, dass an der Fassade des Kunsthauses Langenthal ein Banner mit einem Smiley auf die Ausstellung aufmerksam macht. Das brauchte schon eine besondere Kondition. Doch kann das wirklich alles derart cool gewesen sein? Der Fotograf Rudolf Steiner hat 1996 die Feiernden porträtiert. Man erkennt sehr viel Wille zum Style. Es bleibt der einzige Raum in dieser Ausstellung, der sich rückwärtsgewandt gibt. Dieser Megarave sucht die Metaebene.

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MSHR, Resonant Hyper Symbol Modulator, 2014, Foto: Martina Flury Witschi, courtesy of the artist

Was die 1990er Jahre und die Gegenwart eint, ist eine Ästhetik auf der Grundlage des Digitalen, die als neu wahrgenommen wird, die zu beschreiben es aber noch an Kriterien fehlt. Die Macher der Roggwiler Raves gestalteten ihre Flyer und Plakate mit Motiven der Comic- und Science-Fiction-Kultur. Da schraubt sich eine verwunschene Burg vor dem Gesicht eines Herrschers einer fernen Welt nach oben. „Odyssey. Masters of art“ ist das Ganze überschrieben. Ein ähnlicher Eklektizismus findet sich bei MSHRs „Resonant Hyper Symbol Modulator“. Birch Cooper und Brennan Murphy haben neben viel blinkender Elektronik, die das Glücksversprechen von Spielautomaten ausstrahlt, merkwürdige, ethnografisch wirkende Ornamente aus Glas und Holz aufgestellt, die auf digitalen Zeichnungen beruhen. Ein bisschen sieht es aus, als hätte ein Inneneinrichter unter Drogen ein Szenelokal mit halluzinatorisch beleuchteter Weltkunst eingerichtet. Die Arbeiten der Ausstellung „Megarave. Metarave“, die parallel und mit anderen Schwerpunkten auch im WallRiss in Fribourg zu sehen ist, bringt neue Skulpturen hervor. Dabei macht die Generation der Post-Internet-Kunst kaum einen Unterschied, ob sie in digitaler oder in dreidimensionaler Form verwirklicht werden. Auf einem der sechs Bildschirme, die an der Wand angeordnet sind, hat Vince Mckelvie in seinem in diesem Jahr entstandenen Video in 3D-Ästhetik Neonröhren auf Kristalle treffen lassen. Sind diese Skulpturen nun unwirklicher als Daniel Kellers Arbeit „Lazy Ocean Drift“, bei der aus einer Pepsidose, in die ein Lautsprecher eingebaut ist, zwei Kabel austreten, wobei eines in einem rot-gelb lackierten künstlichen Fingernagel endet? Wohl kaum.

Viele Arbeiten greifen den Eskapismus dieser Jugendbewegung auf. Im ab­ge­dunkelten Raum von Adam Cruces, der durch den Reload-Pfeil von Netscape Navigator grün beleuchtet wird, sind tanzende Menschen aus einem weich fliessenden Gewebe ausgeschnitten. Ihre Silhouetten sind mit dem Stoff verbunden und hängen schlaff am Boden. In der geradezu klassischen Dokumentation „From yu to me“ hat sich Aleksandra Domanovic´, selbst eine avancierte Vertreterin einer auf dem Internet basierten Kunst, mit der Einführung der Domaine für Jugoslawien befasst. Sie hat Pioniere des Internetzeitalters besucht und interviewt, darunter sehr viele Informatikerinnen, die mit ihrer Arbeit auch dazu beitrugen, das Land gegenüber dem Westen zu öffnen. Die Domaine wurde 2010 abgeschaltet und durch die Abkürzungen der neuen Länder ersetzt. Hier ist noch einmal etwas von dem aufklärerischen  und emanzipatorischen Impetus zu spüren, für den das Internet einmal stand.    

Megarave. Metarave.

Kunsthaus Langenthal

Marktgasse 13, Langenthal.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 16. November 2014.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

 




Kunsthaus Langenthal