30/08/12

Räume einer Ausstellung

Nach dem Atelier stehen mit „Nouvelles boîtes!“ im Kunstmuseum Luzern nun die Ausstellungsräume im Mittelpunkt.

von Annette Hoffmann
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Nach dem Atelier stehen mit „Nouvelles boîtes!“ im Kunstmuseum Luzern nun die Ausstellungsräume im Mittelpunkt.6260iserman.jpg

Auch nach Ablauf der Ausstellung „Das Atelier. Orte der Produktion“ herrscht im Kunstmuseum Luzern noch Arbeitsatmosphäre. Zwei Frauen stehen in Schutzkleidung auf Gerüst und Boden und streichen die Wand. Die eine mit schwarzer, die andere mit weißer Farbe. Die Farbe ist noch nicht einmal trocken und schon folgt Schwarz auf Weiß und Weiß auf Schwarz. Wäre die Decke nicht so hoch und gäbe es nicht so viel zu streichen, dass sich der Raum als Distanz zwischen die Frauen legte, man könnte den Eindruck haben, die beiden Anstreicherinnen jagten einander im Karree. „A Life (Black & White)“ hat Nedko Solakov seine Arbeit genannt, die er seit 1998 immer wieder ausführen lässt. Nun ist sie in der Gruppenschau „Nouvelles boîtes!“ zu sehen.

Man wird die beiden von Fanny Fetzer kuratierten Ausstellungen zusammendenken müssen. Denn nicht zufällig verschränken sich hier zu Beginn ihrer Amtszeit Atelier und Ausstellungsraum als sehr bewusst herbeigeführte Situationen. Und nicht zufällig fällt im Beschrieb von „Nouvelles boîtes!“ Brian O’Dohertys Begriff des White Cube und natürlich wird auch ein zweiter Name genannt, auf den bereits der Ausstellungstitel ironisch anspielt. Es ist der des französischen Architekten Jean Nouvel, 2008 mit dem Prizker-Preis ausgezeichnet. Im Jahr 2000 wurde das von ihm konzipierte Kultur- und Kongresszentrum Luzern als gläserner Kasten gebaut, der in den See hineinkragt. Die Museumsarchitektur entsprach den damaligen Vorstellungen von klaren, neutralen Ausstellungsräumen. Die elf eingeladenen Künstlerinnen und Künstler vermessen diese nun mit Installationen, Skulpturen und Performances und stellen sie auf den Prüfstand.

Wie schwindelerregend hoch etwa die Decke ist, lässt sich gut an Eric Hattans Arbeit „Leftovers. Instant Sculpture“ nachvollziehen. Das Gleichgewicht von elf Latten, die am Boden auf Schaumstoff stehen, jedoch an die Decke verschiedene runde Tischchen stemmen, wirkt prekär. Die Hölzer sind gestückelt, bandagiert und verlängert, sie ragen über fünf Meter in die Höhe und klemmen Garten-, Beistell- und Bistrotischchen unter die milchige Glasdecke als gelte es, den Himmel zu erreichen. Bei Christian Kathriners Arbeit „Zwilling“ steht man vor einer verschlossenen Eichentür, die man an repräsentativeren Orten erwartet hätte. Drückt man die Bronze-Klinke herunter und betritt den Raum, sieht man sich einer identischen hohen und massiven Tür gegenüber. Doch an ein Weiterkommen ist von hier aus nicht zu denken. Wer dahinter weitere Ausstellungsräume vermutet, dem zeigt ein Blick auf den Plan, dass Christian Kathriner eine blinde Tür in das Museum gebaut hat. Nicht alle der beteiligten Künstlerinnen und Künstler führen derart unmittelbar vor, wie schwer die Anordnung der Räume zu durchschauen ist, wie schnell man dadurch die Orientierung verliert. Die Vorstellung, was einen guten Museumsbau ausmacht, ist sichtlich zeitabhängig und kann sich schnell als überholt erweisen.

„Nouvelles boîtes!“ will jedoch mehr als exemplarische Architekturkritik sein. Es geht um die Wahrnehmung von Räumen und wie in ihnen Kunst situiert ist oder werden kann. Atemberaubend schön ist Kitty Kraus‘ Installation „Untitled (Spiegellampe)“, die aus fünf kastenförmigen Bodenlampen besteht, deren Zwischenräume grünliches Licht durchlassen. Es lässt auf der Wand ein Gitter entstehen, durch das Diagonale schießen. Adrian Esparza hat prismenartige Figuren mit Wollfäden aufgelöster Sarapen, den traditionellen Wollstoffen Mexikos, auf die Wand gespannt. Ihre Form leitet er von einem historischen Stich mit seltenen Kristallen ab. Und Stefan Burger zeigt in seiner Diainstallation „Reizdarm streicheln“ Aufnahmen aus dem Kunstmuseum Luzern wie Klapphocker, Klingelschilder oder Künstlerlisten. Man hat jedoch Mühe, sie zu erkennen, nicht allein, weil die Projektoren so hoch auf Stativen befestigt sind, so dass die Bilder verwackeln, sie sind auch derart schnell getaktet, dass das Auge kaum folgen kann. Ein Museum ist kein Selbstläufer. Oder etwa doch? „Nouvelles boîtes!“ ist mehr als eine Zusammenschau sehenswerter Arbeiten, es ist auch ein angewandter Essay über das Ausstellen.

Nouvelles boîtes!
Kunstmuseum Luzern

Europaplatz 1, Luzern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 21. Oktober 2012.
Kunstmuseum Luzern