07/11/14

Die sechste und die siebte Kunst

Das Kunstpalais Erlangen widmet dem komplexen Werk des amerikanischen Filmkünstlers Reynold Reynolds eine große Retrospektive

von Barbara Bogen
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Reynold Reynolds, Six Apartments, 2007, © the artist, Courtesy Galerie Zink, Berlin

Das Kunstpalais Erlangen widmet dem komplexen Werk des amerikanischen Filmkünstlers Reynold Reynolds eine große Retrospektive

Man stelle sich vor: Menschen in einem Wohnraum, Feierabendatmosphäre. Ein Mann sitzt in einem Sessel, in die Zeitung vertieft. Eine Frau liest in einem Buch. Was sie kaum bemerken, ist das Feuer, das lodernd um sich greift, den Raum erfasst, längst auf dem Ärmel des Mannes tanzt. Der aber isst ungerührt sein Sandwich weiter, gelegentlich wedelt er mit der Zeitung die Flammen aus, die sich jedoch Sekunden später wieder neu entfachen. „Burn“ heißt diese Videoarbeit des US-Amerikaners Reynold Reynolds (zusammen mit Patrick Jolley) von 2002, gedreht mit 40 Bildern pro Sekunde statt der üblichen 24. Die Menschen wirken dadurch wie in Trance. Es sind verlangsamte, schwere, symbolsatte Bilder für die Trägheit, die Indifferenz von Menschen, ihre selbstmörderische Gleichgültigkeit gegenüber aktuellen Konflikten, ihre Blindheit gegenüber der Bedrohung eines nahen Untergangs.

Reynolds dreht seine Arbeiten meist auf 16mm- oder Super-8-Filmmaterial, das er später digitalisiert. In „The Lost“, dem zentralen Werk seiner aktuellen Retrospektive im Kunstpalais Erlangen, bearbeitete er ein Filmprojekt aus den 1930er-Jahren, das sich mit dem Leben des britischen Dichters Christopher Isherwood befasste, auf dessen Autobiografie unter anderem das Musical „Cabaret“ beruht. Ende der 1920er Jahre kam Isherwood an der Seite des Dichters W.H. Auden nach Berlin. Er war fasziniert vom Tempo der Stadt und ihrer vitalen Schwulenszene, wurde jedoch zugleich Zeuge einer Zeit des radikalen Umbruchs, in der der aufkommende Nationalsozialismus die kulturelle Vielfalt der Weimarer Republik bedrohte und später vernichtete. Der damals entstandene Film, der wegen der Repressionen der Nationalsozialisten nie gezeigt werden konnte, galt lange Zeit als verschollen. Unlängst aber wurden Fragmente davon wieder entdeckt. Reynolds restaurierte das Material und rekonstruierte den Film als 7-Kanal-Videoninstallation mit neu gedrehten Szenen, für die sich Museumsbesucher – etwa des Sprengel-Museums Hannover oder des Hauses der Kulturen in Berlin – als Statisten einbringen konnten. Ein komplexer Plot. Entstanden sind irritierende Schwarz-Weiß-Szenen aus Berlin, die – changierend zwischen Gestern und Heute – ebenso rätselhaft wie bedrohlich wirken. In den schwülen Kabarettszenen lässt sich zugleich die Ahnung einer herannahenden Katastrophe spüren.    

Reynold Reynolds, 1966 in Alaska geboren, studierte zunächst Physik, bevor er sich der Filmwissenschaft widmete und schließlich Künstler wurde. In seinen Arbeiten ist dieses akademische Fundament noch immer deutlich spürbar. In feinen Schichten durchdringen sich die Erzählebenen von Naturwissenschaft und Kunst, Fiktion und Realität – surreal, bizarr, phantastisch, collagehaft, oft assoziativ. In der Arbeit „Secrets Trilogy“ etwa folgt Reynolds’ Kamera einer weiblichen Figur, der das Strukturelement Zeit abhanden gekommen ist und die auf diese Weise in der klaustrophobischen Enge ihrer eignen Wohnung die Orientierung verliert. Uhren drehen sich in rasendem Tempo rückwärts, exotische Pflanzen wuchern in zeitlupenhafter Dämonie durch den Raum. Reynolds’ Videoarbeiten fußen dabei oft auf einem starken philosophischen Fundament. Hegels Theorie von der Unterscheidung der Künste in fünf Disziplinen gehört ebenso zu seinen Referenzen wie der frühe Filmtheoretiker Ricciotto Canudo, der zu diesen Kategorien den Tanz und das bewegte Bild hinzufügte – als sechste und siebte Kunst: „Six or seven pieces“.  

Reynolds’ Arbeiten kreisen um Ängste, Paranoia, Entfremdung, Zersetzung, Zerfall und die Vermessung des menschlichen Körpers, die Endzeitstimmung ist in diesen Bildern ständig präsent – auch in seinem Video „Last Day of the Republic“. 2010 in den USA und Deutschland gedreht, dokumentiert Reynolds hier mit der Kamera den Abriss des Berliner Palastes der Republik, begleitet von einem Gedicht Gerhard Falkners. Der dort beschworene Untergang von Troja und Karthago schlägt eine Brücke zum Ende der DDR. 

In abgedunkelten Räumen zeigt die Ausstellung rund zwanzig Filme von Reynold Reynolds und mutet dem Besucher mit dieser ersten Retrospektive des Amerikaners im deutschsprachigen Raum gezielt eine unerhört starke Verdichtung zu, eine zeitintensive Flut der Motive, Sounds und Plots. Komplex und im besten Sinne überfordernd.

Reynold Reynolds: Six or seven pieces.

Kunstpalais Erlangen

Marktplatz 1, Erlangen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 16. November 2014.




Kunstpalais