06/11/14

Das Nebensächliche als Konglomerat

Das Kunsthaus Baselland zeigt komplexe Arbeiten des in Berlin lebenden Schweizers Erik Steinbrecher

von Simon Baur
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Erik Steinbrecher, Halo Erik, Courtesy the artist and Galerie Stampa, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2014, Foto: Serge Hasenböhler

Das Kunsthaus Baselland zeigt komplexe Arbeiten des in Berlin lebenden Schweizers Erik Steinbrecher

Zwei weisse Zäune, beide als Kreis angelegt, ihre Schauseite innen, die Konstruktion nach aussen gekehrt. Im Innenbereich Bäume und Pflanzen, das Gras meist ungeschnitten. Die beiden Zäune stehen in der Elisabethenanlage und wer es nicht weiss: sie sind Kunst im öffentlichen Raum von Erik Steinbrecher (*1963). Um den Park übersichtlicher zu gestalten, sollten zahlreiche Pflanzen nach dem Wunsch des Basler Baudepartements weichen. Hier setzte Steinbrecher ein, er sammelte die Pflanzen und friedete sie ein. Nun ist die Wildnis innerhalb, die gute Ordnung ausserhalb des Zaunes. Man kennt das von den wilden Tieren im Zoo und genau von solchen Szenarien lässt sich Erik Steinbrecher inspirieren.

Situationen umstellen und den Dingen damit neue, auch ungewohnte Funktionen verleihen, so könnte die Strategie seiner Kunst lauten. In seiner ersten institutionellen Ausstellung in Basel, im Kunsthaus Baselland, ist das nicht anders. Man sieht Bekanntes, das man bisher noch nie so gesehen hat. Das Provisorische, das Prekäre und Ungewisse ist der Motor für seine Kunst. Steinbrecher bedient sich alltäglicher Gegenstände – im weissen Teil seiner Ausstellung Kühlschränke, Ventilatoren, Kabel, Mixer und ein inaktiver Luftsack – und kombiniert sie zu ungewohnten Konglomeraten. Er kritisiert nicht, auch will er mit seinen Inszenierungen nicht polarisieren. Er ermöglicht vielmehr, durch ungewöhnliche, lustvolle und auch ironische Überzeichnung, eine neue Achtsamkeit zu wecken. Irgendwann erkennt jeder für sich einen Sinn. Immer wieder handelt es sich um die Wesenhaftigkeit einzelner Subjekte, die in Materialien eingeschrieben werden. Im schwarzen Teil ist ein Stiefel, in dessen Schacht schwarze Farbe gefüllt wurde, ein schwarzes Videoband, das den Monitor zum schwarzen Loch macht, ein surrender Verstärker, dessen Klang sich als Rückkoppelung entpuppt, aber auch Objekte, die sich gegen jegliche Zuschreibung sperren. Es erstaunt nicht, dass die animistische Komponente für seine Kunst zentral ist. Alles könnte so wie wir es sehen sein, könnte sich aber auch ganz anders verhalten und machen würde er dies alles auf jeden Fall, auch wenn wir es nicht verstehen.

Es ist eine spezielle Art von Relativitätstheorie, mit der wir es in seiner Kunst zu tun haben. Oft sind es Unmöglichkeiten, die vordergründig keine schlüssigen Erklärungen liefern und wie Bilderrätsel aufzulösen sind. Damit hat Erik Steinbrecher einen ganz eigenen Weg beschritten, auf dem ihm so schnell niemand folgt. Die Elemente, die er zu Ausstellungen inszeniert, sind wie die Figuren eines fulminanten Spiels. Die Spielverweigerer oder Ignoranten könnten ihm Beliebigkeit vorwerfen. Das ist auch Erik Steinbrecher klar, doch es gehört mit zu seinen Konzepten, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, in dem er ihnen indirekt recht gibt: „Es könnte so sein, aber es könnte auch ganz anders sein.“ Und er versteht sein „Zeugs“ wie er immer wieder sagt, auch nicht direkt als Kunst. Über die Dinge, die er tut, will er die Kunst erst erleben. Insofern sind seine Arbeiten eine Art Katalysator für zusätzliche Mehrwerte. Wie bei aller Kunst muss man sich auch auf seine Arbeiten einlassen, sich mit ihnen konfrontieren. Doch bald wird man feststellen, wie lustvoll er Dinge miteinander verbindet, um damit den Blick in ungewohnte Felder zu führen. Wer sich auf seine Bildsprachen einlässt, erkennt, wie stark ihm durch dieses Führen, dieses Sortieren und Kombinieren auch ein Spiel mit Ironie und Persiflage gelingt. Das ist nicht ausschliesslich intellektuelle Kunst, sie ist auch ganz stark körperlich zu erfahren und richtet sich zudem auch an andere Sinne, als nur das Denken. Auch der Mensch hinter dieser Kunst ist so, es braucht einige Zeit bis man sich in sein Vokabular eingedacht hat und nachvollziehen kann, was er tatsächlich ausspricht. Das ist insofern beruhigend, weil er damit klar zu erkennen gibt, dass es sich bei seiner Kunst nicht um eine Attitüde handelt. 

Erik Steinbrecher: Halo Erik.

Kunsthaus Baselland

St. Jakobstr. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr,

Mittwoch 14.00 bis 20 Uhr.

Bis 16. November 2014.

Zeitgleich ist im Kunsthaus Baselland eine Ausstellung mit Malerei von Toon Verhoef zu sehen, bis 16. November 2014, sowie die Ausseninstallation „Cloud Atlas“ von Bianca Pedrina, bis 31. Dezember 2014.




Kunsthaus Baselland