03/11/14

Am Anfang steht die Geste

Eine Ausstellung im Kunst Raum Riehen befasst sich mit performativen und narrativen Strukturen

von Yvonne Ziegler
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Duane Linklater, You did not choose tears, you chose feathers, 2014

Eine Ausstellung im Kunst Raum Riehen befasst sich mit performativen und narrativen Strukturen

Immer der Nase nach. So erschließt sich, aus welchem Material der neue braun-weiß gemusterte Foyeranstrich im Kunst Raum Riehen gemacht ist. Seb Koberstädt (*1977) hat mit breitem Pinselschwung ein Gemisch aus Kakao und Bier aufgetragen. Während der Alkohol längst verflogen ist, hängt die Schokoladennote noch in der Luft. Wenngleich das Kunstwerk „Der Befehl kommt ganz von unten“ viel über seine Herstellungsweise erzählt, bleibt seine Zeichenstruktur im Dunkeln. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass Koberstädt solch eigentümliche Alphabete aus geometrischen Formen auf weißem Grund entwickelt. Der Titel lässt an den alchemistisch experimentierenden Künstler Sigmar Polke und sein geniekritisches Gemälde „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ denken. Koberstädt verortet die künstlerische Eingebung nun unten.

Der Titel dieser Gruppenschau „Narrativ/Performativ“, deren Werke Entstehungsprozesse thematisieren oder von narrativer Struktur sind, erweist sich als lose Klammer. Mit großer Geste tritt auch die Berner Künstlerin Karin Lehmann (*1981) auf. Im großen Parterresaal hat sie Vasen und Schalen aus unterschiedlich gefärbten Tonsorten aufgestellt. Anschließend flutete sie die Bodenfläche offensichtlich mit Wasser, sodass sich die ungebrannten Tongefäße aufzulösen begannen. Manche sanken in sich zusammen, andere brachen auf und fielen zur Seite. Die durch Menschhand geschaffene Form wurde durch das Wasser in ihren materiellen Urzustand zurückgeführt. Neben der Veranschaulichung von Transformation und Entformung erzählt die raumgreifende Installation von antiken Trümmerstätten, untergegangenen Kulturen, natürlichen Zerfallsprozessen und dem Töpferhandwerk, das in Zeiten maschineller Fertigung dem Untergang geweiht ist. Des Weiteren ist in der Ausstellung eine poetische Fünf-Kanal-Videoinstallation von Yang Fudong (*1971) zu sehen. Inspiriert von der dekadenten Atmosphäre Shanghais der 1920er und 30er Jahre posieren, liegen, stehen oder tanzen nackte Frauen allein oder zu mehreren mal auf dem einen, mal auf den anderen Screen in kulissenhaften Settings mit klischeehaften Accessoires wie Kirschblüten, Antikenfragmenten, Chaiselongue, Wasserschale oder Torso. Es sind zeit- und raum­enthobene traumverlorene Stilisierungen des Weiblichen. Zum beschriebenen Themenkreis von Schöpfung, Material und Form von Kunst und Kultur sind weniger eindrückliche Werke gruppiert, so stellt etwa Dominique Koch (*1983) auf kühle Weise per Software die emotionalen Parameter mehrerer Sprechübung grafisch und textlich dar, während Duane Linklater (*1976) sich Bilder von Kolibris und das Gesicht eines Gefangenen aus dem Internet aneignet und übereinander schiebt. 

   

Narrativ/Performativ

Kunst Raum Riehen,

Baselstr. 71, Basel/Riehen.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 13.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 9. November 2014.


 




Kunst Raum Riehen