30/10/14

„Es brauchte eine überschaubare Messe für eine neue Generation“

Die Kunst Zürich feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Kurz vor Eröffnung sprachen wir mit Messe-Direktorin Evelyne Fenner über den Mut zum Risiko, das Glück der Beschränkung und die Möglichkeiten des Marktes zur Förderung junger Künstler

von Dietrich Roeschmann

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Besucher der Kunst Zürich über einer Lichtinstallation von Christian Herdig am Stand der Baler Galerie Tony Wuethrich

Die Kunst Zürich feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Kurz vor Eröffnung sprachen wir mit Messe-Direktorin Evelyne Fenner über den Mut zum Risiko, das Glück der Beschränkung und die Möglichkeiten des Marktes zur Förderung junger Künstler

Artline: Im Jahr 1994, als die erste Ausgabe der Kunst Zürich stattfand, deutete viel darauf hin, dass der Kunstmarkt in eine Krise rutschen würde. Was veranlasste Sie damals, ausgerechnet in dieser Zeit eine neue Messe für Gegenwartskunst zu gründen – und dann noch in lokaler Nähe zur Art Basel?

Evelyne Fenner: Es gab für mich damals drei Hauptargumente, die dafür sprachen. Erstens die Tatsache, dass es nur nach oben gehen konnte, zweitens meine Überzeugung, dass Zürich die perfekte Stadt für eine Kunstmesse war und nach wie vor ist – und drittens, dass die Kunst Zürich niemals eine Konkurrenz zur Art Basel sein wollte, sondern eher den Einstieg für eine neue Generation ermöglichen sollte – allerdings mit demselben Qualitätsanspruch und im Kontext mit grossen Namen der Kunstszene.


Artline: Bevor Sie die Kunst Zürich gründeten, haben Sie als Journalistin gearbeitet. Wie haben Sie die erste Ausgabe der Kunst Zürich finanziert?

Evelyne Fenner: Die „Handelszeitung“, unter deren Fahne ich bereits fast zehn Jahre zuvor im Miller’s Studio in der Zürcher Mühle Tiefenbrunnen eine sehr kleine, aber auch sehr feine Kunstmesse aufgebaut hatte, hat mich von Anfang an auch bei der Realisierung der Kunst Zürich unterstützt. Unter anderem hat sie in den ersten drei Jahren zum Beispiel die Versand- und Telefonkosten übernommen.

 

Artline: Wieviele Galerien waren beim Debüt der Kunst Zürich vor zwanzig Jahren dabei?

Evelyne Fenner: Die erste Ausgabe startete mit 52 Galerien, da uns zunächst nur ein Teil der ABB Halle in Oerlikon zur Verfügung stand.

 

Artline: Wie lange dauerte es, bis sich die Kunst Zürich mit eigenem Profil etablieren konnte? 

Evelyne Fenner: Das ging relativ schnell. Bereits in den ersten fünf Jahren zeichnete sich eine Entwicklung in die gewünschte Richtung ab, nicht nur hinsichtlich der Umsätze, sondern auch, was das eigene Gesicht der Messe anging, das mir so wichtig war. Die Kunst Zürich wollte niemals eine Kopie anderer Grossmessen wie der Art Basel oder Art Cologne sein. Ebenso wenig aber wollten wir ein Auffangbecken für all jene Galerien sein, die in Basel, Köln oder bei anderen internationalen Supermessen nicht mehr willkommen waren. Seit den ersten Jahren setzt die Kunst Zürich auf eine spannende Mischung: Wir haben viele Aussteller, die sowohl an der Art Basel oder der Art Cologne als auch bei uns in Zürich vertreten sind. Ebenso aber stellen hier Galerien aus, die man anderswo nicht findet, die aber Platz im Spektrum einer Kunstmesse haben sollten, nicht zuletzt um dem Publikum einen breit gefächerten Überblick zu ermöglichen und nicht ausschliesslich hochpreisige Projekte von immer denselben Anbietern zu zeigen.

 

Artline: Um das Jahr 2000 setzte am Kunstmarkt erneut ein Boom ein, vor allem im Bereich der Gegenwartskunst. Inwieweit trug die Kunst Zürich zur Profilierung des Kunststandortes Zürich bei?

Evelyne Fenner: Die Stadt Zürich hatte schon damals ein grosses Angebot an hervorragenden Galerien. Die „Handelszeitung“ hat sehr früh erkannt, dass Zürich eine der wichtigsten Kunststädte Europas werden würde und das Potential hier vor Ort entsprechend gepflegt – sei es mit laufenden Berichten über die Zürcher Kunstszene oder mit der Gründung der Kunstmesse im Miller’s Studio, an der sämtliche der heute sehr wichtigen Galerien teilgenommen haben. Die Kunst Zürich knüpft daran an und ist heute ein wichtiger Faktor für das Image der Stadt als internationale Kunstmetropole.   

 

Artline: Wie haben sich die Besucherzahlen der Messe in den letzten 20 Jahren entwickelt?

Evelyne Fenner: In den ersten zehn Jahren haben sie sich fast verdoppelt, seither sind sie eher konstant. Auffallend ist jedoch, dass in den letzten Jahren immer mehr grosse Sammler und Kunsteinkäufer auch aus dem Ausland an die Messe kommen.

 

Artline: Seit der ersten Ausgabe findet die Kunst Zürich in den ehemaligen ABB-Hallen in Oerlikon statt. Ein räumliches Wachstum ist damit ausgeschlossen. Mit 80 Galerien ist die Grenze erreicht. Ist das ein Nachteil?  

Evelyne Fenner: Nein, im Gegenteil. Diese räumliche Beschränkung ist mit Sicherheit ein Vorteil und einer der Gründe, warum diese Messe gegründet wurde. Es brauchte eine kleine, überschaubare Messe, an der sich auch eine neue Generation von Sammlern einen Überblick verschaffen konnte. An einer Messe mit über 300 Galerien ist das ja gar nicht möglich. Genau diese neue Sammlergeneration aber muss gepflegt werden – sie ist für die Zukunft des Kunstmarktes von grosser Bedeutung.

 

Artline: Nach der Finanzkrise fuhren viele Museen ihre Ausstellungsprogramme zurück, die Budgets schrumpften. Auch Sammler agieren heute zurückhaltender als noch vor fünf Jahren. Entsprechend konservativ planen inzwischen viele Galerien. Riskante Projekte wie Performances oder kuratierte Schauen sind selten zu sehen, stattdessen feiern Malerei und Skulptur Renaissance. Zugleich schiessen Off-Spaces, die nicht auf Profit fokussieren, wie Pilze aus dem Boden. Was bedeutet diese Entwicklung aus Ihrer Sicht für die nahe Zukunft des Kunstmarktes? Wie kann sich in diesem Feld eine Messe positionieren?

Evelyne Fenner: Finanzkrisen kommen und gehen, Kunst ist bekanntlich ein sicherer Wert, man muss das Augenmerk auf die Kunst und ihre Entwicklung richten. Ich denke, es ist ein gesundes Zeichen, wenn neben grossen Galerien viele Off-Spaces entstehen, die zu einem späteren Zeitpunkt ja auch in die Form einer Galerie wachsen können. Oft sind es junge Künstlerinnen und Künstler, die in solchen Kontexten auf ihre Arbeiten aufmerksam machen. Ihre Situation zwingt sie, günstige Lösungen zu suchen und ihre Fantasie spielen zu lassen. Genau deshalb aber ist Förderung auch so wichtig, damit diese ersten Schritte in eine aussichtsreiche Karriere münden können. Meines Erachtens sollte gerade eine Kunstmesse diese Verantwortung mittragen. 

 

Artline: Wie könnte eine solche Förderung aussehen?

Evelyne Fenner: Die Kunst Zürich engagiert sich da seit langem auf unterschiedliche Weise. Schon in den ersten Jahren gab es gesponserte Förderstände für junge Galerien, die nicht länger als sieben Jahre existierten und Künstler unter 30 ausstellten. Später wurde die Kunst Zürich zudem Schauplatz des ZKB-Förderpreises der Zürcher Kantonalbank. 2013 vergab die Kunst Zürich dann erstmals selbst einen Förderpreis, der von einer prominent besetzten Jury unter den Ausstellern ermittelt und gemeinsam an eine Galerie und den von ihr präsentierten Künstler vergeben wurde. Mit 25.000 Franken ist es der höchstdotierte Preis dieser Art in Europa. Anlässlich unseres Jubiläums haben wir uns entschlossen, ihn einmalig nicht einer Einzelpräsentation zu widmen, sondern zehn jungen Galerien, Off-Spaces oder Künstlergruppen gratis die Gelegenheit zu geben, je einen 30-Quadratmeter-Messestand zu bespielen. Im kommenden Jahr wird der Förderpreis der Kunst Zürich dann wieder im gewohnten Rahmen stattfinden, wobei parallel dazu aber auch zusätzliche Kooperationen mit anderen Kunsträumen angedacht sind.

 

Artline: Die Kunst Zürich hat sich längst als zweitgrösste Schweizer Kunstmesse etabliert. Was schätzen Galeristen, Künstler und Publikum heute an ihr?

Evelyne Fenner: Gehen wir vom Feedback unserer Besucher aus, ist es primär die spannende und vielfältige Auswahl der teilnehmenden Galerien und deren anspruchsvolles Programm. Auch die Podien, die wir im Rahmen der Messe mit Künstlern, Sammlern und Kuratoren veranstalten, stossen auf reges Interesse. Weitere Gründe für die Attraktivität der Kunst Zürich sind sicher die Förderkojen, in denen sich junge, aufstrebende Galerien und Kunstschaffende präsentieren – und nicht zuletzt das Flair dieser wunderschönen, urbanen Fabrikhalle. Was ich selbst schätze, ist die entspannte, sehr besondere Stimmung an dieser überschaubaren Messe, die ohne die gute, engagierte Arbeit unseres Teams nicht denkbar wäre. All das motiviert die Besucher und Sammler, Kunst zu kaufen – und am Ende ist es ja schließlich genau das, was zählt.

 

Kunst Zürich 14

30. Oktober bis 2. November 2014.

ABB Halle 550, Ricarda-Huch-Str., Zürich.


Schaufenster der jungen Zürcher Szene

Die Förderstände der Kunst Zürich 14

 

U5

Soloschau des 2007 gegründeten Zürcher Künstlerkolletivs, das zuletzt mit dem Kiefer Hablitzel Preis ausgezeichnet wurde und mit grellen, pop-affinen Rauminstallationen überzeugt


Stefan Baltensperger (*1976)

David Siepert (*1983)

Soloschau des Künstlerduos mit der Videoinstallation „About Negotiation“


Roy Menachem Markovich (*1979)

Soloschau des israelischen Künstlers und Trägers des Kunst Zürich Förderpreises 2013

 

Vanja Hutter (*1987)

Soloschau der St. Galler Installations-

und Performance-Künstlerin

 

Tom Bola Off Space

Ausstellungsprojekt des Zürcher und Zuger Kuratorenkollektivs um Franziska Baumgartner, Vera Egloff, Jan Hostettler, Sebastian Mundwiler und Tobias Nussbaumer

 

Sunday Inventory

Ausstellungsprojekt der 2013 gegründeten

Zürcher Galerie (Zwinglistr. 30)

 

UP STATE

Ausstellungsprojekt des Zürcher Off-Space

(Flüelastr. 54) mit Arbeiten von Veli & Amos


Noori Lee (*1977)

Soloschau des in Basel und Seoul lebenden Malers

 

Maria Schnieder

Soloschau der Gewinnerin des BEWE Preises

 

Dienstgebäude

Ausstellungsprojekt des 2008 gegründeten

Zürcher Off Space (Töpferstr. 28)




Kunst Zürich