20/10/14

Vom prekären Zustand des Friedens

Das Schweigen der Waffen bedeutet nicht die Abwesenheit von Krieg: Die Ausstellung „Warzone Peace“ im Kunstraum Baden

von Annette Hoffmann
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Anna Jermolaewa, Kiss, 2006

Das Schweigen der Waffen bedeutet nicht die Abwesenheit von Krieg: Die Ausstellung „Warzone Peace“ im Kunstraum Baden

Wieviel Krieg verträgt der Frieden und wieviel Krieg liegt immer schon im Friedensschluss begründet? 2014 hätte ein Jahr feierlich begangener Gedenktage werden können. Eines der Jubiläen, an die in diesem Jahr erinnert wird, ist der Frieden von Baden, der 1714 geschlossen wurde und den Spanischen Erbfolgekrieg beendete. Die Stadt Baden nahm ihn jetzt zum Anlass in mehreren Veranstaltungen über Krieg und Frieden nachzudenken. Auch der Kunstraum Baden beteiligt sich an dieser 300 Jahr-Friedensfeier mit der Ausstellung „Warzone Peace“.

Dass dieses „Kriegsgebiet Frieden“ keines ist, das man im stillschweigenden Einverständnis mit der irgendwie schlimmen Einrichtung der Welt wieder verlassen könnte, macht gleich die Eingangssituation deutlich. In Anna Jermolaewas Videoarbeit „Kiss“ küsst sich ein Paar innig, dessen Gesichter durch Mickey Maus-Masken unkenntlich sind. Der Betrachter hat für die Dauer der Arbeit die Köpfe der beiden in Großaufnahme vor sich. Die zwei necken sich, dann beginnt der eine wie spielerisch an der Maske des anderen zu knabbern. Die Antwort bleibt nicht aus und bald verbeißen sich Mann und Frau in einem ernst gewordenen Machtkampf ineinander. Er endet erst, als eine der beiden Masken in Stücke gerissen ist. Das Slapstickartige, das durch die Comicmaske Walt Disneys ins Spiel kommt, markiert nur die Oberfläche der Arbeit, das Niedliche ist hier Camouflage des Niederträchtigen. Jermolaewas Arbeit macht in der Ausstellung „Warzone Peace“ deutlich, dass Kriege nicht nur zwischen Staaten stattfinden, sondern unser alltägliches Leben bestimmen. Anna Jermolaewa (*1970), die in Leningrad aufgewachsen ist, floh 1989 aus politischen Gründen aus der damaligen Sowjetunion. In Wien, wo sie heute noch lebt, wurde ihr Asyl gewährt. Auf eine ganz andere Form von Authentizität beruft sich die Werkgruppe „Beyroots“ von Eric Hattan (*1955). Bei einer Reise nach Beirut – der Titel der Arbeit spielt auf die französische Schreibweise der Stadt an – sammelte der in Basel lebende Künstler Stühle vom Straßenrand auf. Sie sind ein vertrautes Bild im öffentlichen Leben der Stadt. Vor allem Männer, so berichtet Eric Hattan von seiner Reise, ließen sich auf ihnen in Hauseingängen, vor Läden oder bei Straßenhändlern nieder, um mit andern Männern zu plaudern. Im Westen wären die Möbelstücke längst aussortiert worden. Aus manchem Stuhl ist ein Hocker geworden, bei anderen wurden die Sitzflächen ergänzt, bei einem petrolfarbenen Campingstuhl hat jemand versucht die Rückenlehne zu ersetzen, indem er Schnüre miteinander verwebt hat. Hattan hat jeweils ein Stuhlbein mit Beton stabilisiert, ohne dadurch etwas an dem prekären Zustand zu ändern. Ein wenig sieht jeder dieser Stühle aus wie das Porträt eines in die Jahre gekommenen Stuhls, doch zugleich muss man an Menschen denken, die wie Otto Dix‘ „Kriegskrüppel“ versehrt wurden.

 

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Erich Hattan, Beyroots, 2012

Eigens für die Badener Ausstellung ist Andreas Hagenbachs Installation entstanden. Sein Werk besteht aus Projektionen und Fotografien. Hagenbach (*1964) arbeitet sich sichtlich am Thema ab, das durch die Konflikte in Syrien und der Ukraine tagesaktuell geworden ist. Hagenbach hat Fotos und Videosequenzen ausgewählt, die Formen von Erinnerungskultur dokumentieren. Zu sehen ist etwa das Totengedenken auf einem amerikanischen Soldatenfriedhof oder die bläulich eingefärbte Abbildung von Bogdan Bogdanovićs Mahnmal für das KZ Jasenovac. In einer Leuchtbox ist die Fotografie eines Tannenbaums zu sehen, der industriell für die Front „mit Gott zu Heil und Sieg“ produziert wurde. Das Additive von Hagenbachs Arbeit macht nicht zuletzt auf ein Scheitern aufmerksam, für den Krieg eine Form zu finden. Wie Medien, insbesondere Tageszeitungen Konflikte abbilden, führt Daniela Keiser (*1963) in ihrer breit angelegten Serie von Collagen vor, für die sie Pressefotos auf weiße Blätter spiegelt. Die Doppelung überführt Machtinszenierungen ins Ornamentale und unterläuft so die Symmetrie, die oft eingesetzt wird, um Hierarchien zu manifestieren und die auch in der Presse vervielfältigt werden. Auch das ist eine Form der Kriegsführung.          

Warzone Peace.

Kunstraum Baden

Haselstr. 15, Baden.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 12.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 16. November 2014.

Am 21. Oktober 2014, um 19.00 Uhr ist Anna Jermolaewa zu Gast im Kunstraum Baden und wird ihren Film „Methods of Social Resistance on Russian Examples“ zeigen und über ihn diskutieren.

Am 26. Oktober 2014 findet um 12.00 Uhr ein Künstlergespräch mit Andreas Hagenbach, Eric Hattan und Daniela Keiser statt.

 

 




Kunstraum Baden