22/10/14

Und plötzlich diese Fülle

Das Aargauer Kunsthaus zeigt mehr als 300 Arbeiten der Schweizer Künstlerin Sophie Taeuber-Arp

von Annette Hoffmann
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Sophie Taeuber-Arp, Aubette 200, um 1927, Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp, e.V., © Wolfgang Morell

Das Aargauer Kunsthaus zeigt mehr als 300 Arbeiten der Schweizer Künstlerin Sophie Taeuber-Arp

1918 schuf Sophie Taeuber-Arp ein Porträt ihres Mannes. Der eiförmige Kopf Jean Arps steckt auf einem Stock, der in einem spulenartigen Sockel endet. Haaransatz, Ohren, Wangen bilden flächige Ornamente, die an Maori-Tätowierungen denken lassen. Allein ein rechteckiges Stück Holz springt aus diesem Gesicht hervor, das dennoch in unaufhörlicher Bewegung scheint. Niedlich und ein wenig diabolisch. Zwei Jahre später ließ sich Sophie Taeuber-Arp mit einem ähnlichen Kopf von einem Fotostudio porträtieren. Der Holzrohling wies eine noch flächigere Bemalung auf und den Schriftzug „1920 Dada“, er verdeckte ihre rechte Gesichtshälfte. In ihrer Familie wurden diese gedrechselten Köpfe durchaus auch als Hutständer benutzt. Sophie Taeuber-Arp wird sich kaum daran gestört haben. Mitte der 1910er Jahre schuf sie einen lackschwarzen „Coupe Dada“ und wandelte ihn 1918 in eine altrosafarbene Puderdose um. Die Grenzen, was avantgardistisch, was angewandt in ihrem Werk war, sah sie selbst als fließend an.

Die Crux der Rezeption, die eine Seite des Oeuvres von Sophie Taeuber-Arp gegen die andere ausspielt, prägt jetzt auch ungewollt die große Retrospektive im Aargauer Kunsthaus „Heute ist morgen“. Die Kunstgeschichte folgte lange Jean Arps Befürchtungen, das Kunsthandwerkliche – all die Teppiche, Kissen, Perlenarbeiten und Puppen – könnte den konstruktivistischen Ansatz ihres Werkes abwerten. Hinzu kommt, dass alles Textile sich lange unter dem Sichtfeld von Wissenschaftlern und Kuratoren befand. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Die in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Bielefeld entstandene Ausstellung berücksichtigt dies und schießt dann doch über das Ziel hinaus. Mehr als 300 Exponate aus Stiftungen, öffentlichen und privaten Sammlungen wurden zusammengetragen. Manches ist sehr wirkungsvoll inszeniert wie die Holzmarionetten, die Taeuber-Arp 1918 im Auftrag des Schweizerischen Werkbundes nach der Komödie „König Hirsch“ von Carlo Gozzi schuf. Im Aargauer Kunsthaus hat man ihnen eine schmale Guckkastenbühne eingerichtet, die zugleich Vitrine ist. Dass Sophie Taeuber-Arp selbst tanzte, als Performerin im Zürcher Cabaret Voltaire auftrat und auch auf dem Monte Verità zu Gast war, ist den Figuren anzusehen. Die Figur der Wache etwa demonstriert ihre militärische Macht durch die Potenzierung der Bewegungsabläufe. Gleich drei Köpfe, Arme und Beine entspringen dem silbernen Korpus. Was die Materialfülle der Ausstellung leistet, ist eine Gegenüberstellung von Entwurf und Ausführung und das Aufzeigen der Nähe zu den künstlerisch freien Werken. Das ist gut zu erkennen an Gouachen Mitte der 1920er Jahre, auf denen stilisierte Figuren zu sehen sind, 1926 entstand dann eine Kreuzsticharbeit mit mehreren breitbeinigen zeichenhaften Figuren, die einen Hut tragen und die Arme ausgebreitet haben. Auf das Jahr 1928 sind Aquarelle datiert, bei denen diese Männchen zunehmend abstrakter erscheinen und mehr und mehr zu geometrischen Strukturen werden.

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Sophie Taeuber-Arp, König Hirsch, Zürcher Hochschule der Künste, ZHdK/Museum für Gestaltung Zürich, MfGZ/Kunstgewerbesammlung, © ZHdK, Marlen Perez

Lange überschnitten sich beide Bereiche. 1926 entstanden ihre Entwürfe für das Straßburger Vergnügungslokal Aubette, an dessen Ausstattung auch ihr Mann Jean Arp und Theo van Doesburg beteiligt waren. Drei Jahre später zeigte sie in Paris erstmals freie Arbeiten. Das Kunsthandwerk geriet in den Hintergrund, auch weil Sophie Taeuber-Arp gut vernetzt war. Zwischen 1929 und ihrem Todesjahr 1943 war die Schweizerin an 40 Ausstellungen weltweit beteiligt. Die Schau jedoch ächzt unter der kaum zu bändigenden Fülle, das Objekt konkurriert mit dem Objekt. Zumal das Material kaum strukturiert wird. Will man mehr über ihre Einflüsse, die Strömungen der Zeit oder ihr Interesse für den Tanz oder die Grafik erfahren, muss man den Katalog konsultieren. Das ist schade: aus dem Impuls heraus, konstruktivistische Kunst und Kunsthandwerk gleich werten zu wollen, verschenkt die Ausstellung dramaturgische Möglichkeiten. Das ist umso bedauerlicher als sich Taeuber-Arps Werke als ausgesprochen frisch erweisen. 

Sophie Taeuber-Arp. Heute ist morgen.

Aargauer Kunsthaus

Aargauerplatz, Aarau.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr. Bis 16. November 2014.

Katalog bei Scheidegger & Spiess, Zürich 2014, 288 S.,

58 Euro | 69 Franken.

Vom 24. bis 25. Oktober 2014 findet im Aargauer Kunsthaus eine Tagung zum Werk von Sophie Taeuber-Arp statt.








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