23/10/14

Die Politik des Handwerks

Der amerikanische Künstler John Preus reflektiert in Heilbronn gesellschaftliche Prozesse anhand abgelegter Dinge

von Dietrich Roeschmann
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John Preus, On Drawing, 2014, Installationsansicht Kunstverein Heilbronn, Courtesy the artist, Foto: Sergej Vutuc

Der amerikanische Künstler John Preus reflektiert in Heilbronn gesellschaftliche Prozesse anhand abgelegter Dinge

Im Januar 2006 hielt Leon Hudnall eine kleine Ansprache an seine Schüler. „Wir sind eine Familie“, sagte er, „ich liebe euch! Und ich hasse es, dass wir nicht länger zusammen bleiben können“. Draußen, vor der Ryerson Morse Elementary School in Chicago waren die Bauarbeiter schon dabei, die Schilder für den Lehrerparkplatz abzumontieren. Ab morgen würde hier ohnehin niemand mehr parken: die Ryerson Morse wurde geschlossen. Seither steht das Gebäude leer – wie 61 weitere Ruinen, die das bislang größte Schulschließungsprogramm der amerikanischen Geschichte in Chicago hinterlassen hat und 1000 Lehrer ihren Job kostete.

Als John Preus vor ein paar Monaten durch das verwaiste Schulhaus an der North Monticello Ave. streunte, fand er in einem der Büros einen Stapel Blaupausen mit Architekturzeichnungen des Gebäudes. Er nahm sie mit, studierte die verblichenen Anweisungen für die Elektriker, überarbeitete die Bögen. Heute hängen sie als Intro zu seiner Soloschau „On Drawing“ im Kunstverein Heilbronn. Auf weiß übermalten Flächen, die wie Inseln auf dem blauen Grund schwimmen, hat er sich mit Filzstift winzige Notizen gemacht: Ziel des Programms, schreibt er hier, sei die Privatisierung des Chicagoer Bildungswesens. Betroffen seien vor allem Schulen in ärmeren Vierteln, viele Kinder müssten jetzt durch die halbe Stadt fahren, um zur nächsten Schule zu kommen. Er fragt: „Warum kümmere ich mich darum? Meine Kinder gehen auf die Waldorfschule.“ Und ein paar Zeilen weiter: „Hätte ich nicht mehr tun müssen, um die Schließungen zu verhindern?“ An anderen Stellen referiert er die Geschichte der veralteten Blaupausen-Technik, macht sich Gedanken über die Globalisierung, über Arbeitslosigkeit, Obsoleszenz. Man kann sich keine bessere Einführung in das Werk des 43-jährigen Amerikaners wünschen, als diese Reflexionen auf Raumplänen eines Hauses, das seit langem leer steht. Was Preus interessiert, ist die Wiederaneignung von Relikten, die übrig bleiben, wenn gesellschaftliche Prozesse zum Stillstand kommen. Sie sind das Material, aus dem er seine Arbeiten entwickelt. Das können technische Zeichnungen aus dem Altpapier sein, überschüssige Werkstoffe, für die es keine Verwendung mehr gibt, oder ramponierte Möbel, reif für den Sperrmüll. Für seine Heilbronner Schau hat sich Preus dort ausgiebig umgesehen: Zwei Wochen lang sammelte er auf Müllhalden und Wertstoffdeponien der Region alte Kommoden, Schubladen ohne Griffe, zerbrochene Bilderrahmen oder Tischgestelle zusammen, die er anschließend im Kunstverein zu einem luftigen Defilee der Ausgestoßenen anordnete. Tritt man näher heran, werden zwischen den Schrammen und Dellen der Objekte auch Spuren kleinerer Überarbeitungen sichtbar. Bei manchen Möbeln hat Preus Furnierschäden mit rotem Filzstift ausgebessert, bei anderen entwickelt er aus Kratzern feine ornamentale Zeichnungen, die wie Schlingpflanzen über die Oberfläche wuchern. In der Mitte des Saals schließlich steht eine alte Werkbank, die Preus durch gebrauchte Tischplatten, Stuhlbeine und Sockelgestelle ergänzt und sorgfältig zu einem neuen, mit improvisierten Intarsien verzierten Tisch verleimt hat.

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John Preus, On Drawing, 2014, Installationsansicht Kunstverein Heilbronn, Courtesy the artist, Foto: Sergej Vutuc

Diese fast fürsorgliche Hingabe an die Dinge verbindet sich bei Preus, der vor seinem Kunststudium eine Ausbildung zum Schreiner machte, mit einem politischen Aspekt. „Alles hat einen Wert“, sagt er, „alles ist brauchbar“. Dabei geht es ihm weniger um das Material als um das Objekt und seine Funktion. Ein Tisch, der geschreddert und, wie im Recycling üblich, zu Spanplatten oder Dämmstoff verarbeitet wird, hat seine Funktion als Tisch verloren – sei es als Ort der Kommunikation oder, wie in der Schule, des Lernens. Preus’ Arbeiten dagegen kreisen um die Idee des Re-Use, um den Erhalt und die Wiederverwendung vermeintlich wertlos gewordener Dinge. Indem er sie in Heilbronn im Doppelsinn des englischen „Drawing“ erst aus dem Verwertungskreislauf des Recycling herauszieht und später dann flickt, ergänzt, als Zeichenmaterial nutzt und im Raum arrangiert, speist er sie in einen neuen Kreislauf ein, wo sie zu Objekten einer kritischen Reflexion über den Zusammenhang von Handwerk, Bildhauerei und politischem Handeln mutieren.          

John Preus: On Drawing.

Kunstverein Heilbronn

Allee 28, Heilbronn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.

Bis 16. November 2014.




Kunstverein Heilbronn