07/09/12

Die eigene Wirklichkeit der Fotografie

Unbestimmtheitsstellen erforscht die Genese des fotografischen Bildes und sucht die Nähe zur Malerei

von Claudia Sedelmeier
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Unbestimmtheitsstellen erforscht die Genese des fotografischen Bildes und sucht die Nähe zur Malerei. 1158kunstraummerkenthalerkl.jpg

Könnten diese großen Farbfelder, Muster und an Pinselstriche erinnernde Schwammspuren nicht auch Malerei sein? Philipp Goldbachs „Tafel-Bilder“ wirken nur auf den ersten Blick dokumentarisch. Die im Zentrum der Fotos stehenden Tafeln sind durch ihren jeweiligen Bildtitel verschiedenen deutschen Universitäten zuzuordnen. Ihre Flächen sind allerdings leer. Nur noch Wischspuren sind zu erkennen. Sie waren einmal beschrieben, nun sind sie Projektionsfläche für neue Ideen und Assoziationen. Nicht grundlos verweist der Titel „Tafel-Bilder“ auf eine traditionelle Werkform der Malerei.

Es ist das erste Mal, dass im Freiburger Kunstraum Alexander Bürkle, der sich weitgehend auf monochrome Malerei spezialisiert hat, ausschließlich Fotografie zu sehen ist. Die Ausstellung „Unbestimmtheitsstellen“ zeigt acht verschiedene Positionen, mit Axel Hütte und Jörg Sasse sind auch zwei Fotografen der Düsseldorfer Schule dabei, und alle hinterfragen die scheinbare Objektivität der Fotografie. Sie bilden nicht ab, sondern schaffen eigene Bildwirklichkeiten, die vom Betrachter zu interpretieren sind. Unschärfen und andere malerische Mittel erzeugen einen Bruch mit herkömmlichen Sehgewohnheiten. Jörg Sasse etwa nutzt die reale Welt als Gestaltungsmaterial. Die Grundlage für seine „Tableaus“ sind eigene oder gefundene Fotos, die er digital bearbeitet bis neue Bilder entstehen. Der Ursprung der Motive hat keine Relevanz mehr. Adrian Schiess hingegen hat die Farbspuren auf seinem Atelierboden fotografiert und vergrößert. Seine Arbeit „Malerei“ breitet sich auf dem Boden aus und ergreift vom umgebenden Raum und dem Betrachter Besitz. Axel Hüttes Fotografien bilden – laut Titel – Orte in Venezuela, Japan, Norwegen und Neuseeland ab, doch ohne diese Namen könnte man sie nicht lokalisieren. Obwohl er seine Bilder nicht digital bearbeitet oder verfremdet, sieht man sich auch hier „Unbestimmtheitsstellen“ gegenüber. Befremdliche Verschiebungen der Perspektive und Unschärfen geben keinen Aufschluss über den Ort und die Position der Kamera. Ein Wiedererkennen wird unmöglich. Roland Barthes’ Diktum vom „Es-ist-so-gewesen“ der Fotografie, die Existierendes beglaubige und überliefere, haben diese Künstler hinter sich gelassen.

Ausgesprochen illusionistisch und inszeniert sind die analogen Fotografien von Annette Merkenthaler. Ihr Zyklus „Glücksbrunnen“ zeigt die Aufnahme eines Teiches in einer mit Wasser gefüllten Plastikwanne. Die Künstlerin fotografiert diesen Aufbau immer wieder bei unterschiedlichsten Witterungen. Das eigentliche Motiv ist nicht mehr erkennbar, Farben und Linien lösen sich auf und entwickeln eine unabhängige Bedeutung. Fast surrealistisch verschränken sich die Realitätsebenen in Merkenthalers Werk „Es vergeht die Zeit“, dessen Grundlage eine Fotografie ihrer Gartenmauer ist. Durch das starke Schneetreiben wirkt das Foto extrem verpixelt und unwirklich.

Bis zur letzten Konsequenz reduziert Michael Reisch Farben und Formen. Die Referenz zur Wirklichkeit, die seine Arbeit „Landschaft“ noch vortäuscht, ist in seinen neusten Fotos völlig gebrochen. Geometrische Formen in Schwarz-Weiß-Tönen beziehen sich letztlich nur noch auf sich selbst. Mit Landschaftsdarstellungen befasst sich auch Katrin Herzner. Ihre Reisefotos enstanden an Orten in Nordamerika, zu denen sie sich von Freunden und Bekannten lotsen ließ. Farben und Linien bestimmen diese Aufnahmen. Aus dem Fenster eines Busses fotografierte sie die vorbei gleitende Landschaft. Eine fließende Welt offenbart sich dem Betrachter. Landschaft als solche ist nicht mehr zu erkennen, sie wird zu einem Bild aus horizontalen Farbflächen und -streifen.

Viele der großformatigen Fotos in der Ausstellung verweisen nicht allein durch Titel wie „Tableau“ oder „Tafel-Bilder“ auf die Malerei, sondern auch durch die Mittel der digitalen Bearbeitung. Neue Bildwirklichkeiten zwingen den Betrachter, über seine Wahrnehmung zu reflektieren und zum Assoziieren. Gefordert, aber auch frei wird er dabei letztlich zu einem Teil der Werke, indem er „Unbestimmtheitsstellen“ füllt.

Unbestimmtheitsstellen – Zur Genese des fotografischen Bildes.
Kunstraum Alexander Bürkle

Robert-Bunsen-Str. 5, Freiburg.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 23. September 2012.
Kunstraum Alexander Bürkle