16/10/14

Unter Strom

In Zürich lässt Jana Euler verschiedene malerische Haltungen miteinander kommunizieren und erfindet dafür das Verb steckdosen

von Leon Hösl
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Jana Euler, Talking about love in different languages, 2014, Courtesy Jana Euler & Real Fine Arts, New York

In Zürich lässt Jana Euler verschiedene malerische Haltungen miteinander kommunizieren und erfindet dafür das Verb steckdosen

Das Thema Körperlichkeit verhandelt Jana Euler (*1982) schon seit einiger Zeit in ihren Arbeiten, besonders im Verhältnis zu multiplen Identitätskonstruktionen, der Eingliederung in soziale Netzwerke oder in Abhängigkeit von elektronischer Hardware. Dazu nutzt sie nicht nur die Malerei sondern auch modellierte Figuren, wie derzeit eine in der Kunsthalle Zürich zu sehen ist: kraftlos auf dem Bauch liegend, mit letzter Anstrengung eine Steckdose in die Luft haltend – „Socketing in the Digital Age“ (2014), so der Titel –, steckdosend im digitalen Zeitalter. Im Pressetext ist Jana Eulers Forderung nach einem Verb von Steckdose, eben „steckdosen“, zu lesen, das vielleicht so etwas wie die passive Entsprechung von „anschließen“ sein könnte. „Where the energy comes from“ lautet der Titel ihrer Ausstellung, und wenn man die ausgestreckte Bodenfigur betrachtet, dann wird klar, dass es die Steckdose in ihrer Hand ist, über die ihrem Körper alle Kraft entzogen wurde. Neben drei großformatigen, farbschwachen Airbrush-Darstellungen weiterer Steckdosenmodelle, die im gleichen Raum an den Wand hängen, sticht ein leuchtendes, expressives Bergpanorama heraus. In Öl auf Leinwand gemalt wirkt es weniger wie der Ausdruck einer subjektiven Naturwahrnehmung denn wie eine psychedelische Landschaftsphantasie – oder ein ironischer Abgesang auf „echte“ Malerei.

Ebenso wenig, wie Jana Euler ein in sich geschlossenes malerisches Werk entwickelt, scheint sie an die Authentizität von Körpern oder Körperdarstellungen zu glauben. Da sind die grellen Fratzen aus fragmentierten Geschlechtsteilen – Brüste, Penis, Vagina als Augen, Nase, Mund; das überzeichnete „Analysemonster“ (2013), angelehnt an schematische Veranschaulichungen von Therapiemethoden der alternativen Heilmedizin; oder ein Nasenaffe („Human Size“, 2011), in die Betrachtung einer Pflanze versunken. Er scheint zu erröten angesichts seiner vermeintlich menschlichen Fähigkeit zur ästhetischen Erfahrung von Naturschönheit – und mit ihm auch die Leinwand.

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Jana Euler, Nude climbing up the stairs, 2014, Courtesy Jana Euler & Real Fine Arts, New York

Dazu passt es, wie Jana Euler sich selbst porträtiert. „Nude Climbing Up The Stairs“ (2014), die Künstlerin als Akt, die Treppe emporsteigend. Wie in der Chronofotografie Muybridges ist die Figur in mehreren Bewegungsphasen dargestellt. Diese sind jedoch nicht nacheinander gereiht, sondern überlagern sich, was an Marcel Duchamps Treppen herabsteigenden Maschinen-Akt erinnert. Der Körper ist dabei von einer Phase zu anderen immer artikulierter und deckender gemalt, wodurch die Künstlerin erst geisterhaft das Bild diagonal durchschreitet, um dann als nahezu plastische Figur den Ausschnitt zu verlassen. Ein Motiv, das – wie zuletzt durch die familiäre Konnotation bei Gerhard Richter – von einer patriarchalen Künstlerrolle zeugt, wird hier sowohl angeeignet als auch verkehrt: der weibliche Akt kommt nicht auf den Betrachter zu, er entschwindet. Dieses Moment der Präsenz im Verschwinden trifft auch auf die Körperlichkeit in den Arbeiten Eulers zu: So überpräsent diese auch sein mag, so wenig ist sie greifbar.

Die Ausstellung zeigt gleich mehrere Werke mit einer starken und streitbaren malerischen Haltung, die untereinander jedoch nicht kohärent sind, sondern widersprüchlich. Dadurch bleibt die Malerin im Hintergrund und interpretiert ihre Rolle als Ausführende eines vorher festgelegten Konzepts. Das vielleicht persönlichste Bild, der Halbakt eines Mannes, „Man painted with two eyes (Leif)“ (2014), steht daher auch nicht für sich. Es dient mit drei anderen Männerbildnissen der Veranschaulichung verschiedener Porträt-Modi, bei deren Identifizierung grafische Augensymbole auf dem Boden humorvoll Hilfestellung geben. Wenn Malerei nicht an die Künstlerperson gebunden ist, sondern in einem konzeptuellen Rahmen auftritt und dennoch typisch malerische Kennzeichen wie Figuration und Duktus enthält, wird sie selbst zur Akteurin, die jedoch, wie auch die Künstlerin, immer an bestimmte Konstellationen und Netzwerke gebunden bleibt. Aus dem passiven, „steckdosen“ Verständnis der eigenen Rolle ergibt sich damit ein höchst widerständiges, weil kaum zu fassendes Werk.  

Jana Euler: Where the energy comes from.

Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 9. November 2014.




Kunsthalle Zürich