10/10/14

Long live the clitoris!

Das Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst widmet der amerikanischen Künstlerin Dorothy Iannone eine große Retrospektive

von Dietrich Roeschmann
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Dorothy Iannone, The next great moment in history is ours, 1970, courtesy the artist, Air de Paris, Paris and Peres Project Berlin, Foto: Hans-Georg Gaul, Berlin

Das Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst widmet der amerikanischen Künstlerin Dorothy Iannone eine große Retrospektive

Vor gut einem Jahr, als Dorothy Iannone 80 wurde, befand sie, dass es nun gut sei, über die Liebe und ihr Leben zu reden, über Erotik, Sex und Ekstase. Verständlich: Iannone hatte viel darüber geredet, gerade in den letzten Jahren, nachdem Maurizio Cattelan sie 2006 um einige ihrer Bilder gebeten hatte, die er dann an der 4. Berlin Biennale zeigte. Plötzlich wollte alle Welt wissen: Dorothy Iannone – wer ist das? Nach Jahren der Stille ging der Run auf ihr Werk los. Mit Soloschauen in New York, London, Paris. „Alles über mein Leben findet sich da draußen“, sagt sie deshalb heute, „meine Kunst ist öffentlich. Sie spricht für sich selbst.“ Wie nun auch im Zürcher Migros Museum, das der eigenwilligen Amerikanerin eine große Retrospektive eingerichtet hat.  

Iannones Kunst: Das sind comicgrelle Kamasutra-Pop-Fantasien im fröhlichen Art-Brut-Look, bevölkert von nackten Frauen mit runden Brüsten und prallen Schamlippen und von Männern, denen Penisse wie Paradiesfrüchte zwischen den Lenden wachsen. Unter Schriftbannern mit Jubelparolen („Long Live The Clitoris!“) und Dirty Talk („Let Me Squeeze Your Fat Cunt!“) praktizieren sie die freie Liebe – im Stehen, Sitzen, Knien, Liegen, seit fast fünfzig Jahren. Auf einem dieser Bilder reckt eine nackte Schöne die Faust in die Höhe. „The Next Great Moment in History Is Ours!“ steht in großen Lettern über dem Getümmel der Körper um sie herum. Der „Summer of love“ war gerade vorbei, als Iannone dieses Bild 1970 malte, und die Forderung der Frauen nach gleichen Rechten längst unüberhörbar. Iannone aber hatte ihre eigene Utopie: Nicht der Sieg im Kampf um die Hälfte der Macht war für sie das Ziel gelungener Emanzipation, sondern die Vereinigung der Geschlechter in einer universellen Liebe, die alle Unterschiede überwinden sollte. Damit machte sich die Autodidaktin keine Freunde. Die Feministinnen missbilligten ihr unverhohlenes Interesse am männlichen Körper, die Männer ihr gezieltes Eintreten für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität.

Iannone, 1933 in Boston geboren, hatte zunächst Literatur studiert und jung geheiratet. Zusammen mit ihrem Mann, einem New Yorker Maler, betrieb sie in Greenwich Village eine kleine Szene-Galerie, reiste viel und begann irgendwann selbst zu malen. Erst im Stil des Abstrakten Expressionismus, später dann figürlich. Ihren eigenwilligen Drive entwickelte Iannones Kunst jedoch erst nach ihrer Begegnung mit dem Schweizer Künstler Dieter Roth, den sie 1967 auf Island traf und sich sofort in ihn verliebte. „Als ich Dieter sah, wusste ich dass ich mein Leben ändern würde“, schrieb sie später in ihrer „Icelandic Saga“, einer zentralen Arbeit der Zürcher Schau, weil sie in der Rückschau gewissermaßen den Gründungsmythos ihres Werkes erzählt. Von da an kreiste Iannones Kunst um nichts anderes, als um den Versuch, ihr Liebesglück in Wort und Bild zu fassen. Sie gestaltete Künstlerbücher mit witzigen oder wüsten Bettszenen aus dem Alltag des Paares („Dialogues“), deklinierte auf detaillierten Schaubildern intimste Stellungen durch („Ten Scenes“), entwarf ein Dieter-Roth-Tarot und Kartensets mit Hass- und Liebesschwüren, und über die Bilder wucherten immer längere Texte, in denen sie die bedingungslose, freie, gleiche Liebe feierte. Als die Amour Fou nach sieben Jahren abrupt endete, thematisierte Iannone die Trennung in mehreren bemalten Videoskulpturen. Aus einer klingt in Zürich ihre Singstimme, „Aua, aua! Das Scheiden tut so weh“, aus einer anderen erregtes Stöhnen, während die Kamera ihr Gesicht beim Masturbieren filmt: „I Was Thinking of You“. Diese explizite Bild- und Soundsprache ihrer Arbeiten hatte Dorothy Iannone schon früh den Ruf einer Skandal-Künstlerin eingehandelt. Immer wieder wurden ihre Werke beschlagnahmt, viele zensiert – nicht nur von der Polizei. 1969, bei einer Gruppenschau in der Kunsthalle Bern, waren es ausgerechnet Iannones Künstlerkollegen, die ihre Bilder überklebten – aus Sorge um den Ruf des im bürgerlichen Milieu heftig umstrittenen Kunsthallen-Direktors Harald Szeemann. Empört zog Iannone ihre Bilder zurück. Ihre Erfahrungen mit Zensur und Selbstzensur verarbeitete sie kurz darauf in der bitterbösen Graphic Novel „The Story of Bern“ und – Jahre später – in einem sehr persönlichen Essay, den das Migros Museum jetzt anlässlich dieser geballten Retrospektive zwischen unermüdlicher Nabelschau, esoterischer Erotik-Revue und leidenschaftlichem Manifest für ein herrschaftsfreies Denken neu aufgelegt hat.     

Dorothy Iannone: Censorship And The Irrepressible Drive Toward Love And Divinity.

Migros Museum für Gegenwartskunst

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr. Bis 9. November 2014.

Katalog bei JRP Ringier, Zürich 2014, 160 S., 45 Euro | 56 Franken.




Migros Museum für Gegenwartskunst