07/10/14

Das sieht gut aus

Was man in Zürich derzeit nicht verpassen sollte. Ein Rundgang durch die Galerienszene

von Dietrich Roeschmann
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Athene Galiciadis, Ausstellungsansicht Like a virgin, Galerie Boltelang, 2014

Was man in Zürich derzeit nicht verpassen sollte. Ein Rundgang durch die Galerienszene

Athene Galiciadis: Like a Virgin

Das sieht gut aus: Bei BolteLang stehen derzeit große, handgetöpferte Gefässe zwischen spitzkantigen Beton-Tangram-Elementen locker im Raum verteilt, und jedem dieser eimergroßen, leicht verbeulten Objekte sieht man an, dass sich die Hand hier nur widerwillig vom Regelwerk der Töpferkunst führen ließ. Innen roh und unbehandelt, sind die Außenwände von aparten geometrischen Ornamenten überzogen: schwarzweiße Zickzack-Linien, Dreieck-Pattern in Komplementärfarben, und auch hier gehorchen die Muster eher der Spontaneität der Zeichnung als dem Kalkül des Objektdesigns. Dass Athene Galiciadis ihre aktuelle Schau ausgerechnet nach Madonnas frühem Hit „Like a virgin“ betitelt hat, passt da gut. Es geht hier um die Naivität und Freiheit des einfach Drauflosmachens, um den Tanz mit dem Material, die Selbstvergessenheit beim Zeichnen immer gleicher Ornamente. Dass sich dieser Freiheitsdrang bei Galiciadis aus einer intensiven Suche nach der perfekten Form ableitet, gibt ihrer Schau eine überraschende Stringenz. Manche ihrer Zeichnungen auf Millimeterpapier wirken dabei in der gedeckten Farbigkeit und dem Hang zur Geometrie wie Studien zu Emma Kunz’ „Neuartiger Zeichnungsmethode“, ihre Keramiken wie in der freien Assoziation der écriture automatique restaurierte archäologische Fundstücke aus der Geschichte des Bauhaus. Fresh!

BolteLang

Limmatstr. 214, Zürich.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 12.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 4. Oktober 2014.


Jutta Koether: MAQUIS

Was in Italien als Macchia bekannt ist, heißt in Frankreich „le maquis“: Dichtes, garstiges Buschwerk, das in den unzugänglichen Regionen Südeuropas wuchert. Im Zweiten Weltkrieg suchten Partisanen und Widerstandskämpfer hier Schutz, irgendwann wurde „le maquis“ deshalb zum Synonym für den Underground. Bei der Malerin Jutta Koether – von der New York Times kürzlich als „somewhat of a gonzo art historian“ gefeiert – benennt MAQUIS eine eigene Form der Widerborstigkeit. Souverän zwischen Delikatesse und Bad Painting changierend und ganz in Rottönen gehalten, schlagen die Bilder ihrer aktuellen Schau einen weiten Bogen durch die Kunstgeschichte der Aneignung des gemalten Körpers an der Klippe zur Queerness. Im Zentrum stehen drei großformatige Gemälde, die in komplexen Dramaturgien Elemente der Malerei von Lucian Freud, Balthus, Botticelli oder Florine Stettheimer mit Strategien des dekonstruktivistischen Tanzes bei Israel Galvan oder dem Sound von John Lee Hooker abmischen. Körper werden zu Bildkörpern, Farbe zu Fleisch. Die Funktion der Haut,  könnte man weiterspinnen, übernimmt in dieser Schau eine Reihe handgepixelter Bilder der „Bruised Grids“-Serie. Für Koether bilden diese quadratischen Mosaik-Abstraktionen in LP-Cover-Format „einen therapeutischen Raum, aus dem die Leiden und Freuden des Gesprächs, Kommentars, Feedbacks und der Kontakte sickern“. Die variable Hängung dieser vielteiligen „Bruised Grids“ – vergleichbar mit einem DJ-Set – dürfte zusammen mit Koethers selbst verfasstem Führer durch diese Referenz-Macchia dafür sorgen, dass das Gespräch hier vorerst nicht verebbt.

Galerie Francesca Pia

Limmatstr. 268, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 1. November 2014


Bret Slater & Otis Jones

Okay, Dallas war noch nie ein Hotspot der internationalen Kunstszene. Doch seit die Stadt ihre eigene Kunstmesse hat, zu der sich Jahr für Jahr neue, junge Galerien gesellen, ist Bewegung in die lokale Szene gekommen. Gut für jemanden wie Otis Jones. Seit Mitte der Siebziger widmet sich der Texaner hier einer Malerei, die ihre eigenen Bedingungen reflektiert, dabei aber gerne immer wieder mit den Konventionen bricht, die sie vordergründig in geschmackvoller Monochromie zu bedienen scheint. Mal sind es bunte, kreisrund beschnittene Farblackpunkte, an denen die meditative Versenkung in die vielschichtigen, mit Sandpapier traktierten Oberflächen scheitert, mal ein paar kurze, senkrecht gestellte Linien, die wie stilisierte Augenpaare eines Comic-Gesichts aus dem Bildraum spähen. Die Assoziation mit Gesichtern kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich nämlich tackert Jones seine Leinwände grundsätzlich auf mehrere übereinander geleimte quadratische oder ovale Rahmen, deren Kanten er zuvor mit der Schleifmaschine abgerundet und konisch verjüngt hat. Dadurch bekommen sie etwas betont Maskenhaftes, dessen Blick man sich nur schwer entziehen kann. Dass Jones' Bildobjekte nun erstmals in Europa zu sehen sind, verdankt der 68-Jährige nicht zuletzt dem jungen New Yorker Maler Bret Slater, der seit langem Fan des Texaners ist und auch schon als sein Assistent arbeitete. Auf Jones' feine Oberflächensensibilität reagiert Slater bei Annex 14 mit einer Reihe kleinerer Bildobjekte, die man von weitem für grelle Plastikwandschränkchen in 70s-Design halten könnte, die sich aus der Nähe aber als fette, farbgesättigte Bildblöcke von fast organischer Präsenz erweisen. Dass der 28-Jährige – wenn er nicht gerade seine Malerkarriere voranbringt – in einer Punk-Band singt, fügt sich da gut ins Bild. Seine Objekte kommen wie große Songs: Klug, kompakt, dynamisch und immer straight ahead.

Annex 14

Hardstr. 245, Zürich.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 12.00 bis 16.00 Uhr.

Bis 1. November 2014.


Karsten Födinger: Domestic Wildcards

Als die Galerie Raeber von Stenglin 2010 in einer ehemaligen Garage der Spedition Welti-Furrer an der Pfingstweidstrasse eröffnete, wollte Karsten Födinger den Raum in seiner Debüt-Ausstellung gleich erstmal auseinandernehmen. Der Karlsruher Bildhauer plante, einen der Betonpfeiler, auf denen der zweistöckige Jahrhundertwendebau ruht, vom Boden aus bis in Brusthöhe zu kappen und durch eine Stützkonstruktion zu ersetzen. Doch nicht nur der Statiker machte ihm einen Strich durch die Rechnung – vermutlich wäre es auch so nicht ganz einfach gewesen, den extrem harten, noch mit Fußarbeit gestampften Beton zu brechen. Födinger ließ das Projekt dennoch nicht los – und so präsentiert der 36-Jährige in seiner mittlerweile dritten Soloschau bei Raeber von Stenglin jetzt eine zehnteilige Gruppe von Atlas-Surrogaten in Stahl, Beton, Holz oder Ziegeln – mal en bloc gegossen, mal verschraubt, verschweißt, gemauert oder mit Stahlbändern fixiert. Die Grenze zwischen Typologie und Potpourri ist fließend. Strikt nach den Regeln der Baustatik konzipiert, tritt jede Skulptur hier für sich als plausibles Modell zur Lösung eines Auflastproblems an, doch in der Gruppe wirken sie eher wie ein Haufen Freaks auf einer Motto-Party, Dresscode: Minimalist Sculpture. Die kunsthistorisch immer noch relevante Frage nach dem Sockel erübrigt sich da gewissermaßen von selbst. Hier muss er vorerst nichts anderes tragen als die Vorstellungskraft des Betrachters.

RaebervonStenglin

Pfingstweidstr. 23, Zürich.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 30. Oktober 2014.


 




RaebervonStenglin
Francesca Pia
Annex14
Galerie BolteLang