07/10/14

Michael Fliri

In den Werken des Tiroler Künstlers gehen Skulptur und Performance auseinander hervor wie das Schwein aus dem Schaf

von Annette Hoffmann
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Michael Fliri, come out and play with me, 2004, Video:  5 min. 36 sec. (Loop), Kamera: Othmar Prenner

In den Werken des Tiroler Künstlers gehen Skulptur und Performance auseinander hervor wie das Schwein aus dem Schaf

Wenn Masken ein zweites Gesicht haben können, hat Michael Fliri (*1978) es jetzt ans Licht gebracht. Im Grenz-Raum des Zeppelin Museums Friedrichshafen befindet man sich auf Augenhöhe mit diesen gleichmäßig schwarzen Masken. Doch die einheitliche Oberfläche täuscht. Die Masken – Fliri hat sie im Privatmuseum Michael Stöhrs im schwäbischen Diedorf entdeckt – wurden im japanischen No-Theater eingesetzt, sie kommen aus Afrika und Neuseeland. Zu einer hat der diesjährige Stipendiat der ZF Kunststiftung ein besonderes Verhältnis. Es ist seine eigene Krampus-Maske, die in der Nacht zum 6. Dezember zum Einsatz kommt. Dann nämlich geht in Michael Fliris südtirolischer Heimat der teuflische Begleiter des Nikolaus um.

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Michael Fliri, Where do I end and the world begins, 2014, Foto: Rafael Krötz

Doch es ist nicht ihr schiefer Gesichtsausdruck, der irritiert. Michael Fliri hat Abdrücke von den jeweiligen Innenseiten der Masken genommen. Verfolgt man an der Oberfläche, welche Spuren die Werkzeuge einmal im Holz hinterlassen haben, kann man erfahren, wie das Objekt entstanden ist. Man könnte glatt eine Kulturgeschichte der Maske anhand ihrer Bearbeitung erzählen. Umrundet man die Masken in Fliris Friedrichshafener Ausstellung „Where do I end and the world begins“, wächst die Irritation noch. Denn Fliri, der in München bei Asta Gröting und Olaf Metzel und in Bologna studiert hat, presste in den rückwärtigen Hohlraum eine zweite Maske. Das klingt kompliziert. Ist es auch, und man kann über dieses ganze Gestülpe – in dem sich auch Fliris prozesshaftes Verhältnis zwischen Skulptur und Performance verbirgt – selbst ganz wirr werden. Für sein 2004 entstandenes Video „Come out and play with me“ praktizierte der Künstler den fließenden Übergang vom Schaf zum Schwein. Es brauchte ein ausgeklügeltes Kostüm, dessen linke Seite das jeweils andere Tier war, um das Video zu drehen. Das Spielerische, das der Betrachter in vielen von Michael Fliris Werken als komisch empfindet, ist nicht immer auf Seite des Künstlers. „Lust und Spaß sind relativ“, sagt er und spricht lieber vom Wahn der Umsetzung.

Die Idee hat Vorrang, erst dann macht sich der in Wien und Italien lebende Künstler auf die Suche nach einer geeigneten Form. Während seines Studiums suchte Michael Fliri einmal drei Jahre und praktizierte in dieser Zeit Kopfkunst – ein Wunder, dass ihn und seine Professoren nicht die Geduld verließ. Was dann endlich 2001 entstand, war seine Arbeit „Schneemann“. Das Video zeigt ein weißes Michelinmännchen mit einer stilisierten Möhre im Gesicht, das sowohl in seiner unmittelbaren Umgebung als auch aus seinem Kostüm kleine Polystyrolkügelchen freisetzt. Indem der Schneemann sich auflöst, versinkt er in einer mit ihm selbst identischen Umgebung. Mit dieser frühen Arbeit hat Michael Fliri zugleich eine Art Allegorie geschaffen, für das was in den folgenden Jahren entstehen sollte. Fliri ist niemand, der sich aufspart. Indem er für jede Arbeit eine neue, bis dahin noch nicht erprobte Umsetzung sucht, bleibt er Künstler-Amateur. Er bewegt sich mit den Dingen, nutzt ihre Dynamik. „Das Virtuose fasziniert mich, als Qualität jedoch ist es mir nicht unbedingt wichtig“, sagt er. Michael Fliri reizt den schmalen Grat zwischen Scheitern und Gelingen voll aus. Ein Restrisiko bleibt.        

Michael Fliri: Where do I end and the world begins.

Zeppelin Museum Friedrichshafen

Seestr. 22, Friedrichshafen.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 9.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 2. November 2014.

 

 

 

 




Michael Fliri
Zeppelin Museum