06/10/14

Niedergang einer Industriemetropole

Yves Marchand und Romain Meffre suchen in ihrem Detroit-Buch eine Typologie des Verfalls

von Annette Hoffmann

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Yves Marchand, Romain Meffre: Ruins of Detroit, Steidl, Göttingen 2014, 228 S., 88 Euro | ca. 119 Franken

Yves Marchand und Romain Meffre suchen in ihrem Detroit-Buch eine Typologie des Verfalls

„Detroit Porno“ ist, wenn sich Fotografen allzu sehr am Niedergang der Autostadt weiden, mahnt Robert Polidori im Vorwort zu diesem Buch. Auch Yves Marchand und Romain Meffre sind den Spuren des Verfalls gefolgt, doch ihre Panoramaaufnahmen aus der ehemaligen Industriemetropole zeigen nicht nur die morbide Schönheit des Zerfalls, sie ordnen sie in soziale und wirtschaftliche Veränderungen ein und lassen staunen über diese seltsame Selbstvergessenheit der Stadt. Viel hat zum Niedergang beigetragen: die Automatisierung und später die Verlagerung der Produktion, das Abwandern der weißen Bevölkerung in die Vorstädte, die Rassenunruhen, die Ölkrise, dann die Wirtschaftskrise, das Auswaiden der Gebäude durch Altwarenhändler, der Frost. Fünf Jahre haben die beiden Fotografen an diesem Projekt gearbeitet, haben Typologien von Wolkenkratzern, Theatern und Kinos, sozialem Wohnungsbau und öffentlichen Gebäuden festgehalten. Als zeitgenössisches Pompeji haben Marchand und Meffre die Stadt bezeichnet; die Ruinen von Pompeji haben sich als haltbarer erwiesen als die von Detroit, doch der Niedergang scheint wie ein Vulkanausbruch über diese Stadt gekommen zu sein. In Theatern fanden sich noch Kostüme, in Polizeiwachen Vernehmungsprotokolle. Im seltenen Fall, dass Menschen vor ihre Kamera gerieten, glaubt man Gespenster vor sich zu haben.




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