24/09/12

Das kann ich auch

Handwerker, Bastler, Eigenbrötler: „Amateurism“ geht im Heidelberger Kunstverein diesem Phänomen nach.

von Annette Hoffmann
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Als Les Arts Incohérents im Sommer 1882 zu einer Ausstellung mit Zeichnungen von Leuten, die nicht zeichnen konnten, einluden, war dies ein Fanal der Frechheit. Paris kam trotzdem. Man betrachtete gefundene Kunst, Kinderzeichnungen und unter anderem das Blatt des Autors Paul Bilhaud, das er „Combat de nègres dans une cave, pendant la nuit“ genannt hatte. Naturgemäß war der nächtliche Kampf völlig schwarz. Einige Jahre später ergänzte Bilhaud es durch eine Reihe von monochromen Drucken, deren Titel etwa so lauteten: „Erstkommunion junger bleichsüchtiger Mädchen bei Schneetreiben“ oder „Zuhälter, noch im besten Alter und den Bauch im Gras, trinken Absinth“. Die Farbflächen waren durch geschwungene Linien eingerahmt, schließlich wusste man, gegen welche Konvention man anging. Les Arts Incohérents, die sich für einige Jahre um Jules Lévy gruppierten, nahmen den Salon und den Akademismus aufs Korn. Neben Ausstellungen war ihr Medium die Karikatur, die sie über Magazine verbreiteten. Wenn Eugène Bataille der Mona Lisa eine Pfeife ins Gesicht zeichnete, war dies mit Humor zu nehmen und ein Vorgriff auf den Surrealismus. Die Haltung des Das-kann-ich-auch war entwaffnend in einer Zeit, die nur wenig künstlerische Freiräume kannte. In der Folge wurde sie von der Avantgarde aufgegriffen. Heute steht sie eher für eine Ressentiment gesättigte Abwehr zeitgenössischer Kunst, die die vermeintliche Kunstlosigkeit von der Avantgardebewegung der Moderne geerbt hat.

Im Heidelberger Kunstverein bildet eine Dokumentation über Les Arts Incohérents nun den eigentlichen Ausgangspunkt einer Ausstellung über das Phänomen des Amateurs. Die Wände sind mit Reproduktionen von Covern und Zeichnungen aus dem Magazin „L’Assiette au Beurre“, das Anfang des 20. Jahrhunderts erschien, tapeziert. Die Kunst war sichtlich wichtig genug, öffentlichen Spott auf sich zu ziehen. Die von Miya Yoshida und Susanne Weiß kuratierte Gruppenschau „Amateurism“ basiert auf einer umfangreichen Recherche, die gleichermaßen dem Strang der künstlerischen Forschung als auch das Phänomen des Kunsthandwerks und Strategien gesellschaftlicher Teilhabe nachgeht. Dabei verfolgt sie eine aktuelle Auseinandersetzung, die auch anderenorts geführt wird. Denn nicht wenige junge Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit dem Kunsthandwerk auseinander. Die Kartause Ittingen etwa greift dies in einer Ausstellung auf, deren Titel „10.000 Stunden“, sich auf den Zeitumfang bezieht, den der Soziologe Richard Sennett für das Erlernen eines Handwerks veranschlagt hat. Wurde jede Form von materieller Kultur lange misstrauisch beäugt, wenn nicht gar verachtet, hat sich in den letzten Jahren ein Wandel ergeben. Der Erfolg von Manufactum und die weite Verbreitung der Do-it-yourself-Bewegung sind nur zwei Seiten davon. Und auch in der Kunst findet dies ihren Niederschlag, meist unter Zuhilfenahme von Experten. Auf der documenta (13) und der Ausstellung von Craigie Horsfield in der Kunsthalle Basel konnte man die Rehabilitierung des Gobelins als Träger historischer Ereignisse erleben. Während Mai-Thu Perret bereits seit einigen Jahren im Kunsthandwerk das utopische Potential eines sinnfälligen Zusammenlebens ihrer fiktiven Kommune Crystal Frontier ausreizt.

Das Amateurwesen praktiziert die Kunst der Aneignung
„Amateurism“ erzählt nicht zuletzt von der Attraktivität des Dilettantismus. So hat Lucy Powell für ihre Arbeit „Liminal Animal“ die ausgefallenen Schnurrbarthaare ihrer Katze gesammelt und auf schwarzem Samt zu einem Blumenbild arrangiert. Die Anmutung des Ganzen, der ovale Zuschnitt des Rahmens nimmt auf die Ästhetik von Hobbykunst Bezug und knüpft zugleich an eine historische bürgerliche Erinnerungskultur an, die aus Haaren Liebesgaben schuf. Heike Bollig geht in ihrer Installation „Vasen“ den umgekehrten Weg. An mehreren Keramikgefäßen, die sie auf dem Flohmarkt gekauft hat, vollzieht sie einen Prozess des Entstehens nach, der aus der additiv aufgebauten Vase ein Gussobjekt macht. Zu sehen sind die verschiedenen Stufen einer verlorenen Form, die seltsam abstrakt wirkt und zum autonomen Werk wird. Überhaupt erweist sich das Amateurwesen als Kunst der Aneignung. Die Ausstellung würdigt auch das Wirken von Sister Corita Kent, ihren poppigen Siebdrucken und Workshops. In den 1960er und 1970er Jahren schuf sie Plakate, die Anliegen der Friedens- und Umweltbewegung verbreiteten. Auch wenn die Filmmitschnitte ihrer Workshops und Veranstaltungen durch die Fröhlichkeit von Kindergeburtstagen und die Empfindsamkeit der Hippiezeit heute eher frappieren, wird doch deutlich, dass ihre Offenheit es allen ermöglichte mitzutun und die Gesellschaft zu verändern. Der Laie ist bei Sister Corita nicht nur die Basis der Kirche, er ist Sehnsuchtswesen, das Intensität und Gemeinschaft sucht. Er ist zudem ein Korrektiv der Politik.

Auch neuere Arbeiten der Ausstellung sind durch dieses widerständige Potential geprägt. „Operational Play“, eine Videoarbeit der Koreanerin Hwayeon Nam, die auf einer Performance in Seoul beruht, führt so die Decknamen militärischer Operationen wieder in den Sprachgebrauch und ins Spiel zurück. Und wer erinnert sich ernsthaft daran, dass sich hinter „Red down at clear corridor“ ein Einsatz von UN-Streitkräften verbirgt, die Tutsi nach Kigali eskortierten. In Hwayeon Nams Video aus dem Jahr 2009 haben Protagonisten mit merkwürdigen silberfarbenen Kopfbedeckungen Brücken in Beschlag genommen und führen sehr pazifistisch wirkende Übungen aus. Die Welt ist eindeutig zu komplex, um sie dem Militär, aber auch den Wissenschaftlern zu überlassen. Toru Koyomada untersucht seit elf Jahren mit weiteren Laienforschern Höhlen und setzt die Fundstücke und Entdeckungen in detaillierte Zeichnungen um, die von poetischer Genauigkeit sind. Er lässt sich dabei durch die Grundsätze leiten: Kill nothing but time, take nothing but pictures, leave nothing but footprints. Die Laien travestieren nicht die Methoden der Profis, sie sind ihr notwendiges Alter Ego.

Amateurism.
Heidelberger Kunstverein

Hauptstr. 97, Heidelberg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 4. November 2012.
Heidelberger Kunstverein