03/10/14

Umherschweifende Geschichten

Seine Solothurner Ausstellung zeigt, dass David Chieppo kein Bilderzähler ist, dem man trauen könnte

von Annette Hoffmann
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David Chieppo, Conversation with a Cyclops, 2012, Kunstsammlung Kanton Zürich (Foto: Studio Pascal Heger, Solothurn)

Seine Solothurner Ausstellung zeigt, dass David Chieppo kein Bilderzähler ist, dem man trauen könnte

Niemand kann sagen, Fuchs, Kaninchen und Katze wären nicht gewarnt gewesen. Auf einer Zeichnung des Zürcher Künstlers David Chieppo (*1973) in seiner Solothurner Ausstellung stürmt eine Hundemeute los. Die Ohren stehen waagrecht in der Luft, die Schwänze gehen steil nach oben, die Vorderläufe heben sich kraftvoll vom Boden ab. Die sechs Hunde erwarten voll Spannung die Jagd. Hinter ihnen erhebt sich ein Hügel, der sacht gegen den Himmel ansteigt. „Fox Rabbit Cat“ steht in grauen, hautfarben verschatteten Lettern im Himmelblau. Der Schriftzug benennt das Beuteschema der Hunde. Doch wer spricht hier überhaupt? Und wer kann sagen, ob sich überhaupt irgendwo ein Kaninchen zeigt? Noch nicht einmal David Chieppo selbst, der dieses Bild imaginiert hat. Es ist eine Illusion, hier einen Kausalzusammenhang zu konstruieren. Die Bilder funktionieren wie eine spiegelnde Oberfläche, die das verzerren, was durch sie hindurchgeht. 

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David Chieppo, Untitled, 2011, Courtesy der Künstler & Galerie Brigitte Weiss, Zürich, Foto: Heinz Uger, Zürich

David Chieppo, der Ende der 1990er Jahre seine Ausbildung an der ZHdK fortsetzte, die er in New York und Pennsylvania begonnen hatte, ist kein Erzähler, dem man trauen könnte. Selbst ein schlichter Slapstick gerät – separiert Chieppo ihn in Einzelbilder – ins Stocken. In seiner Lithografie „The Navigator (Buster Keaton)“ von 2013 versucht ein Mann eine Frau in einen Liegestuhl zu betten, der unter ihr zusammenbricht. Im nächsten Moment erhebt sich die bis dahin geschwächt wirkende Frau und läuft zur Reling. Auf seinem Bild „Call a Cab“, das 2009 entstanden ist, sieht man ein Paar im Vordergrund. Rechts daneben befindet sich eine große Pflanze, auf dem schwarzen Hintergrund stehen die Sätze „fight the power, call a cab, love your neighbour“. Die Geschichte, die all dies miteinander verbinden könnte, muss jeder Betrachter selbst erfinden. Nur ein erzählerisches Bild, das von einem umherschweifenden Geist gemalt sei, könne einer Geschichte gerecht werden, zitiert der Katalog David Chieppo. Auch der Geist des Betrachters sollte also ein bisschen umherschweifen. Es ist verführerisch, sich darauf einzulassen. David Chieppos plakativer, oft pastoser Pinselstrich ist wendig. In seinem Bild „Conversation with a Cyclops“ ist die Kleidung der fliehenden Frau ganz in Bewegung. Doch nur eine merkliche Neigung des Pinsels und schon glauben wir die Gefühle zu erkennen, die Chieppos Figuren gerade durchleben. Tatsächlich ist der Titel von seiner Ausstellung „happity“ eine Zusammenführung von happy (glücklich) und pity (Mitleid). Mit diesem verlässt der Maler den objektiven Beobachterstatus. So sehr Chieppo in Farbe schwelgt, so empathisch ist deren Wirkung.      

David Chieppo, Happity

Kunstmuseum Solothurn

Werkhofstr. 30, Solothurn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 19. Oktober 2014.

Im Verlag für moderne Kunst ist ein Katalog erschienen, 120 S., 30 Euro, 38 Franken.




Kunstmuseum Solothurn