02/10/14

Das Bild als flaches Objekt

Gerwald Rockenschaub untersucht im Schauwerk Sindelfingen die Tautologie von Bild und Wand

von Johannes Meinhardt
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Gerwald Rockenschaub, Farbfolie auf Alucore, 1999, © Gerwald Rockenschaub

Gerwald Rockenschaub untersucht im Schauwerk Sindelfingen die Tautologie von Bild und Wand

Der Österreicher Gerwald Rockenschaub (*1952) hatte schon in seinen Gemälden in den frühen achtziger Jahren die grundlegende Kritik an der Malerei, die um 1960 mit der Minimal Art einsetzte, aufgegriffen und Konsequenzen aus ihr gezogen. Eine der entscheidenden Konstatierungen der Minimal Art war, dass ein Gemälde, innerhalb der materiellen Welt und der neuzeitlichen, naturwissenschaftlich-technischen Einstellung gesehen, zuerst einmal ein materieller Gegenstand ist. Wenn ein derartiges flaches Objekt an der Wand hängt, gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied zur Wand selbst, die ebenfalls ein flacher Körper ist, allerdings in einer architektonischen Konstellation von flachen Körpern.

In den späten 80er Jahren zog Rockenschaub daraus die Konsequenz, auf den Gebrauch von Ölfarbe und den Einsatz der Hand zu verzichten und nur noch industrielle Materialien, vor allem Plexiglas und Lack, einzusetzen; seit Mitte der 90er Jahre verfertigt er die Pläne seiner Bildobjekte am Computer und lässt sie dann industriell herstellen. Wenn zwischen Wand, Rahmen und Bildfläche keine wesentliche Differenz mehr existiert, können sie auch aus demselben Material sein: eine Reihe der Arbeiten in der Ausstellung im Schauwerk Sindelfingen bestehen aus weißen, schwarzen oder farbigen, monochromen Plexiglasflächen, deren Fläche wie ein Rahmen außen auf der Wand aufliegt, deren innere Fläche aber, durch eine Stufe erhöht, vor der Wand und parallel zur Wand – wie ein Gemälde in seinem Rahmen – zu schweben scheint. Die früheste Arbeit der Ausstellung: „Farblose, transparente Acrylglasplatte, Metallschrauben, Unterlegscheiben“ von 1989 ist eine mannsgroße, durchsichtige Acrylglasscheibe, die mit großen Schrauben sichtbar an der Wand befestigt werden kann.

Denn das ist die zweite Folge der materiellen Gleichartigkeit von Wand, Rahmen und Bildfläche: dann kann das Bild auch eine farblose oder farbige Glasscheibe sein, die auf die dahinter liegende Wand hin durchsichtig ist. Aber während die Gemälde von Robert Ryman, die solchen Arbeiten nahe zu stehen scheinen, die visuellen Differenzen verschiedener Träger und Aufträge auszuloten versuchen, implodieren für Rockenschaub die unterschiedlichen materiellen Schichten von Gemälden in einer Tautologie: Wand und Gemälde können ineinander fallen, da sie sich wesentlich unterscheiden. Deswegen sind seine Titel auch extrem trocken, listen nur die Materialien auf, die zu der jeweiligen Arbeit gehören Damit ist die Arbeit schon unterschieden von ihrem situationalen Träger, der vorgefundenen Wand.

Wenn Bilder primär flache Objekte sind, können sie zu architektonischen Elementen werden, wie etwa Paravents; durch einen Knick von neunzig Grad entsteht so aus einer transparenten Plexiglasplatte mit einem breiten, waagerechten roten Balken in Augenhöhe ein räumliches Hindernis oder Leitsys­tem, bei dem das farbige Klebeband vor allem den Besucher davor bewahrt, in die Scheibe zu laufen: „2 Acrylglasplatten, rotes Klebeband, 3 Stahlständer“, 1998. Eine Arbeit von 2003, „Edelstahl, farbloses, transparentes Acrylglas“, bildet einen Tunnel aus acht seriellen Elementen, die zwei Meter hoch sind, einen Meter breit, und wie ein umgedrehtes U einen Abstand von einem Meter zu einer zweiten solchen senkrechten Fläche überbrücken. Diese Arbeit versperrt den Raum und macht ihn zugleich auf eine spezielle Weise sichtbar, da sie den Betrachter zu einem festgelegten Geh- und Betrachtungsverhalten zwingt.

Den interessantesten Eingriff in den vorgegebenen Ausstellungsraum demonstriert die Installation „Embrace Romance (Remodeled II)“ von 2006/2014. Große, monochrome, farblich jeweils anders lackierte MDF-Platten wurden so installiert, dass sie die unterschiedlichen Kanten und Linien des Raumes in drei übereinanderliegenden Reihen aufgreifen, wobei eine dieser Tafeln schräg eine Ecke verdeckt. Erst durch das Auflösen der Logik der drei Reihen oder Ebenen, die sich auf jeweils andere Raumkanten beziehen, tritt der architektonisch schwierige Raum deutlich in das Bewusstsein      

 

Gerwald Rockenschaub: Dear Heartbeat.

Schauwerk Sindelfingen

Eschenbrünnlestr. 15/1, Sindelfingen.

Öffnungszeiten: Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr. Bis 11. Januar 2015.




Schauwerk Sindelfingen