27/09/12

Der Stand der Dinge

Die Kunsthalle Zürich kehrt ins Löwenbräu-Gebäude zurück und präsentiert Wolfgang Tillmans’ aktuelle Werkserie „Neue Welt“.

von Florian Weiland
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Die Kunsthalle Zürich kehrt ins Löwenbräu-Gebäude zurück und präsentiert Wolfgang Tillmans’ aktuelle Werkserie „Neue Welt“.5628iguazu_2010.jpg

Ein Blick zurück: 1995 widmete die Kunsthalle Zürich Wolfgang Tillmans seine erste institutionelle Ausstellung überhaupt. Viel ist seither geschehen. Tillmans gehört inzwischen zu den international bedeutendsten Fotokünstlern der Gegenwart. Und auch die Kunsthalle selbst hat sich verändert. Nach zweijähriger Umbauzeit konnten Ende August endlich die neuen Räume im Löwenbräu-Gebäude eingerichtet werden. Die Ausstellungsfläche erstreckt sich jetzt über zwei Stockwerke, ein neues Treppenhaus wurde eingezogen. Und wichtiger noch: die Finanzierung der Kunsthalle ist langfristig gesichert.

Wolfgang Tillmans (*1968) war in den letzten Jahren viel unterwegs. Mit seiner Werkserie „Neue Welt“, die jetzt in Zürich zu sehen ist, entdeckt er deshalb nun wieder die Außenwelt. Das ist, sollte man meinen, für einen Fotografen nichts Außergewöhnliches. Doch Tillmans hatte sich in seinem künstlerischen Schaffen zuletzt vor allem mit den technischen Produktionsbedingungen der Fotografie befasst und in abstrakten Arbeiten die Grenzen und Möglichkeiten des Mediums ausgelotet. Auf diese Innensicht, die experimentelle Studiopraxis, folgt also der Blick nach außen. Und der sieht Folgendes: Eine Fliege auf einem Teller mit ausgenommenen Hummerschalen, ein junger Mann im saudi-arabischen Jeddah, der stolz vor seinem mauve-farbenen Honda posiert, Bauarbeiter in Shanghai, ein Massai in Tansania, ein Marktplatz in Äthiopien. Direkt daneben klafft eine Mundhöhle in Großaufnahme, öffnet sich ein Blick in den unendlichen Sternenhimmel über Papua Neu-Guinea: Willkommen in der schönen neuen Welt des Wolfgang Tillmans’! Fragt sich nur: Nach welchen Kriterien ist diese „Neue Welt“ organisiert? Gibt es einen gemeinsamen Nenner, der diese Bilderfolge vereint?

Ausgerüstet mit einer Digitalkamera bereiste Tillmans, der bislang ausschließlich analog arbeitete, die Welt: Indien, China, Australien, Argentinien. Nirgends hielt es ihn lange. Aber dennoch reichte die Zeit, um sich intensiv auf die sichtbare Wirklichkeit des jeweiligen Ortes einzulassen. „Die Oberfläche, auch die Oberflächlichkeit hat mich schon immer interessiert, weil wir die Wahrheit der Dinge im Grunde anhand der Oberfläche der Welt ablesen müssen“, sagt Tillmans. Deshalb habe er versucht, den „Stand der Dinge“ zu dokumentieren. Er fotografierte Pflanzen und Tiere, Flughäfen und Einkaufszentren, Menschen, Städte, Krankenhäuser. Seine Aufnahmen illustrieren den weltweiten Gleichschritt von Wissenschaft, Technologie und Warenverkehr. Beim Rundgang durch die Ausstellung, die sich über sechs Räume erstreckt, sticht eine Serie von Fotografien von Autoscheinwerfern ins Auge. Tillmans sieht in ihnen komplexe, hochtechnisierte Lichtskulpturen und deutet sie als Symbol „globaler Technologiefantasien“. Entstanden sind diese Aufnahmen in einer Tiefgarage auf Tasmanien.

Man kann in den jüngsten Arbeiten von Wolfgang Tillmans den Versuch sehen, sich ein Bild der globalisierten Welt zu machen, die so komplex geworden ist, dass sie kaum mehr zu fassen ist. Entsprechend heterogen präsentiert sich seine „Neue Welt“ als ein faszinierendes Sammelsurium der Motive, das vor allem in Kombination mit seinen abstrakten Arbeiten, mit denen er chemische Entwicklungsprozesse der Fotografie ins Bild setzt, an Spannung gewinnt. Einmal mehr spielt Tillmans hier mit unterschiedlichen Formaten und Präsentationsformen und schafft Bilderwände, die zum Nachdenken anregen. Die Aufnahmen bestechen nicht allein durch ihr Großformat, sondern auch durch ihre extreme Bildschärfe. Diese, sagt er, entspreche einer neuen gefühlten Wahrnehmung. Alles in der Welt sei heute „High Definition“.

Wolfgang Tillmans: Neue Welt.
Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 4. November 2012.
Der Katalog zur Ausstellung ist erschienen im Taschen Verlag, Berlin 2012, 216 S., 29,99 Euro | ca. 44.90 Franken.

Zeitgleich in der Kunsthalle Zürich Helen Marten, Almost The Exact Shape Of Florida.
Bis 4. November 2012.
Kunsthalle Zürich