16/09/14

Gut ausgeleuchtete Wirklichkeiten

Der kanadische Künstler Stan Douglas interessiert sich für historische Umbruchsituationen. In München zeigt er seine jüngsten Arbeiten

von Roberta De Righi
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Stan Douglas, Crowds and Riots, 2008, Abbot & Cordova, 7. August 1971, © Stan Douglas, courtesy the artist, David Zwirner, New York, London and Victoria Miro, London

Der kanadische Künstler Stan Douglas interessiert sich für historische Umbruchsituationen. In München zeigt er seine jüngsten Arbeiten

Das Haus der Kunst ist seit Absprung des größten Mäzens, der Schörghuber Unternehmensgruppe, in Turbulenzen. Im Verein der Freunde des Hauses wird gestritten, der international bestens vernetzte, lokal eher distanziert auftretende Direktor Okwui Enwezor und Chef der Biennale in Venedig 2015, ist in die Diskussion geraten. Nicht alle der heterogenen Ausstellungsprojekte zwischen Diskurs und Lifestyle überzeugen; einige Einzelschauen wiederum finden trotz hoher Qualität nicht das Maß an Aufmerksamkeit, das ihnen gebührt.

Derzeit präsentiert das Haus unter dem Titel „Mise en scène“ den kanadischen Foto- und Filmkünstler Stan Douglas (*1960). Die Schau konzentriert sich auf jüngste Werkserien, in denen Douglas historische Ereignisse re-inszeniert. Seine Fotografien sind nur scheinbare Schnappschüsse aus einer nahen Vergangenheit. Douglas’ bevorzugte Ära, in der seine auf der Realität basierende Kunst stattfindet, ist die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, eine Phase des Umbruchs von Chaos und Gesetzlosigkeit hin zur rigiden Moral und Ideologie der 1950er Jahre. In „Crowds and Riots“ von 2008 erinnert der Künstler an wichtige Ereignisse aus Vancouver. Dazu gehört „Ballantyne Peer, 18 July 1935“, eine Szene, in der streikende Hafenarbeiter vor einer stillgelegten Zuckerraffinerie von der Polizei auseinandergetrieben und verhaftet werden. Der Vergleich zu Jeff Wall liegt in dieser dramatisch zugespitzten Momentaufnahme nahe – man denke an die Vorstadt-Festnahme in „Eviction Struggle“. Angesichts mancher Bilder ist man versucht, Douglas’ Kunst als „Wie Wall, nur mit stärkerem Akzent auf den Protagonisten“ zu charakterisieren. Oder „Hastings Park, 16 Juni 1955“, in dem er das Publikum beim Pferderennen ablichtet, als nuancierte Zusammenstellung vielfältiger Physiognomien und Altersstufen. Alles wirkt unglaublich echt – doch im Gegensatz zur Wirklichkeit ist dieses Foto-Tableau zu gut ausgeleuchtet.

Auch der Werk-Zyklus „Disco Angola“, der imaginierte Impressionen aus dem New York der Siebziger und der bis 1974 portugiesischen Kolonie Angola verbindet, schöpft seine zeitlose Aussagekraft aus einer Umbruchsituation. Ob Tänzer der Underground-Musikszene von N.Y.C. oder angolanische Rebellen – die Posen ähneln sich. Etwas aus dem Rahmen fällt hier nur die Video-Musik-Installation „Luanda – Kinshasa“ ein Langzeit-Gig, der Miles Davis mit Weltmusik-Klängen fortsetzt und entspannte Endlos-Grooves bietet.

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Stan Douglas, Disco Angola, 2012, Two Friends, 1975, © Stan Douglas, courtesy the artist, David Zwirner, New York, London and Victoria Miro, London

Die Ausstellung umfasst auch eine Theater-Installation, die in den Kammerspielen Europa-Premiere feierte: „Helen Lawrence“, ein Sittengemälde der Fünfziger in der Ästhetik des Film Noir. Die Titelfigur kommt aus der Psychiatrie und sucht nach dem Mörder ihres Mannes. Sie taucht ein in einen Mikrokosmos aus korrupten Polizisten, Zockern und gefallenen Mädchen. Douglas schrieb und inszenierte das Drama als „Closed Circuit“. Das Bühnengeschehen wird in eine computergenerierte Kulisse integriert, die Szenen auf eine vor die Bühne gespannte Leinwand projiziert. Er entwickelte darüber hinaus eine App (http://circa1948.nfb.ca), mit der man einen guten Eindruck bekommt. Das Stück fesselt, weil die Schauspieler perfekt ausgesucht sind: Lauter plas­tische Typen, ob der skrupellose weiße Cop oder der schwarze Clubbesitzer mit Ehrenkodex, die blonde Unschuld vom Land oder die Latino-Prostituierte. Doch ob Täter oder Opfer, Sympathieträger oder Fiesling, es gibt kaum Zwischentöne. Man staunt über die Figuren, aber sie berühren einen nicht. Doch das gehört zum Konzept: Douglas bewahrt den kühlen Blick auf seine Protagonisten, erfasst sie intellektuell, nicht emotional.

Mit „Mise en scène“ fügt er sich perfekt ein in die Riege interessanter, afroamerikanischer Künstler, die Okwui Enwezor ins Haus der Kunst holt: Fast alle sind bei New Yorker Großgaleristen unter Vertrag, Stan Douglas etwa bei David Zwirner, und brachten es zu hohem internationalem Renommee. In München wirken sie, ähnlich wie der Direktor, ein wenig wie Durchreisende in Sachen Kunst.     

Stan Douglas: Mise en scène.

Haus der Kunst

Prinzregentenstr. 1, München.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis

22.00 Uhr.

Bis 26. Oktober 2014.

Katalog bei Prestel, München 2014, 208 S., 49,80 Euro | ca. 74 Franken.

 




Haus der Kunst