15/09/14

Nichts gleicht unseren Erinnerungen

Im Zürcher Museum Rietberg ist zeitgenössische Kunst zu Gast in der kulturhistorischen Sammlung

von Annette Hoffmann
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Pipilotti Rist, Wenn Du springst, fangen wir Dich auf, 2014, courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth

Im Zürcher Museum Rietberg ist zeitgenössische Kunst zu Gast in der kulturhistorischen Sammlung

Das Museum Rietberg gehört zu jenen Ausstellungshäusern, die Wesentliches richtig machen. Die Objekte der ethnologischen Sammlung werden sorgfältig präsentiert, die Wechselausstellungen erweitern auch kulturhis­torisch den Horizont und die Nähe zur Kunst ist allein durch den Neubau der Zürcher Architekten Adolf Krischanitz und Alfred Grazioli mit seinem von Helmut Federle gestalteten Relief allgegenwärtig. Kurze Videoeinspielungen, die in die Sammlung eingebunden sind, geben Auskunft über besondere Objekte, aber auch den wissenschaftlichen Alltag, die Geschichte der Sammlung und die Provenienzforschung.

Und nun das: Unmittelbar im Eingangsbereich zur Japanabteilung wurde einem Bein ein Knieschoner übergezogen, mehrere Handtuchstapel sind auf die Vitrinen verteilt, ebenso Andenken an die Jahrtausendwende, an ein Jubiläum der Wasserversorgung und an eine womöglich längst vergangene Liebe. Auf den Vitrinen selbst sind Gestänge montiert, an denen Waschlappen oder Sockenpaare hängen. Neben einem kleinen Krug aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends vor Christus, an dem kleinere Becher angebracht sind und eine menschliche Figur, die sich zur Öffnung hangelt (oder sollte auch dieses Gefäß eingeschmuggelt sein?), balanciert eine Wärmflasche auf einem tönernen Kopf, als hätte dieser Schmerzen. Die Objekte von Stefan Burgers Intervention „Zwanghafte Ersatzhandlungen mit Gewölle“ dürften weitgehend aus dem Brockenhaus stammen und sie stellen unmissverständlich die Frage, was wir der Erinnerung wert halten und was wir aussondern. Braucht es eine besondere Art der Kunstfertigkeit, die Einmaligkeit des Gegenstandes, Originalität? Wie verhalten sich Kanonisierung und Musealisierung zueinander?

Stefan Burgers Installation ist Teil des Ausstellungsprojektes „Gastspiel“, das vom Zürcher Galeristen Damian Christinger kuratiert wurde. Dass sich das Museum Rietberg auf diese Idee einließ, verwundert nicht. Denn einerseits beleben die Inserts der 21 Schweizer Künstlerinnen und Künstler den Blick des Betrachters, indem sie die eigentlichen Exponate verfremden, andererseits zeigen sie den Konstruktionscharakter von Erinnerung. „Nothing is like what the memory of it became“ hat Nives Widauer auf den Bronzeguss einer VHS-Kassette drucken lassen. Sie machen aber auch die Dichotomien, mit denen Museen operieren, sichtbar. Für einmal gelten die Klassifikationen von Gegenwartskunst und ethnografischem Kunsthandwerk nicht. Die überbelichtet wirkenden Urlaubsfotos zwischen Schaustücken aus Afrika, die Shirana Shahbazi am Risografen ausgedruckt hat, aktualisieren die Kritik am Kolonialismus durch Abziehbilder des Tourismus. Yves Netzhammer, dessen Projektionen im schummrig beleuchteten Schaudepot zu finden sind, animiert die Exponate mit dunkler Magie, der wir im Angesicht der Fetische und Masken zu begegnen hofften. Auf eine der unzähligen Statuen projiziert Netzhammer ein Augenpaar, Köpfe vervollständigen Torsi. Und in einer anderen Videoeinspielung drechselt Munition einen Gegenstand, aus dem dann unversehens eine Hand wird. Läuft man an den unzähligen Schrankreihen und den aufgezogenen Tischtennisbällen vorbei, stellt sich die Fiktion einer Erzählung ein, die von Gewalt und Verwundungen – viele Figuren tragen Kompressen – und der menschlichen Schaffenskraft zu berichten weiß.

Die Intervention „Gastspiel“ schließt sich an Debatten über das westliche Kunstverständnis an. Jüngere Museumsgründungen wie das 2006 eröffnete Pariser Musée du Quai Branly durchbrechen in ihren Sonderausstellungen Grenzen zwischen Weltkunst und Moderne, zwischen Handwerk und Kunst. Die aktuelle Zürcher Ausstellung öffnet sich dieser Erfahrung. Und wenn man in Fabian Martis Holzpavillon im Park steht, der Kopie seines „Two Hotels“, das er am Strand von Bahia Freunden zum Leben und Arbeiten zur Verfügung gestellt hat, dann will einem die Kunstszene und ihre Selbstorganisation nicht anders als eine Tribalisierung vorkommen.        

Gastspiel – Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg.

Museum Rietberg

Gablerstr. 15, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 9. November 2014.

Ein Katalog erscheint im September bei Edition Patrick Frey, Zürich 2014, 136 S., 38 Euro | ca. 48 Franken.

 

 




Museum Rietberg