12/09/14

Relikte der Transformation

Eine Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen ist für Roman Signer ein Heimspiel. Dort zeigt er neuere Arbeiten

von Florian Weiland
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Roman Signer, Fahrrad, 2014, Foto: Stefan Rohner

Eine Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen ist für Roman Signer ein Heimspiel. Dort zeigt er neuere Arbeiten

Roman Signer kennt das Kunstmuseum St. Gallen wie kaum ein anderer. Vor gut dreißig Jahren, als das Gebäude umgebaut wurde, hatte der in Appenzell geborene Künstler für kurze Zeit sogar sein Atelier in den Räumen des Kunstmuseums. 21 Jahre sind seit seiner letzten großen Einzelausstellung in St. Gallen vergangen. Eine lange Zeit. Heute gehört Signer, der lange auf seinen Durchbruch warten musste, zu den international bekanntesten Schweizer Künstlern. Wer jetzt aber erwartet, der mittlerweile 76-Jährige würde sich entspannt zurücklehnen, wird von seinem aktuellen Auftritt in St. Gallen angenehm überrascht sein. Die Ausstellung präsentiert primär neue Arbeiten. Die letzte Signer-Schau 1993 war da deutlich retrospektiver angelegt.

Los geht es bereits im Treppenhaus des Kunstmuseums. Roman Signer sitzt hier in einem petrolblauen Piaggio und ist bereit, abzuheben. Das dreiräderige Auto ist im Foyer zu bewundern. Der Videofilm dazu zeigt, wie der Künstler, geschützt mit einem Helm, das Gefährt besteigt. Er erinnert an einen Astronauten, der zu einer Weltraummission aufbricht. Das Auto wird gekippt und ragt nun in die Luft. Der Countdown läuft. Wird Signer in die Luft gehen?

Roman Signer spielt mit unseren Erwartungen. Bestens vertraute Gegenstände – Stühle, ein Fahrrad, ein Koffer oder Fässer – werden in einen vollkommen neuen Kontext gestellt. Ein Transformationsakt, gepaart mit spielerischem Witz. Fast immer überraschend, mitunter auch abgründig. Signer selbst nennt seine sehr speziellen skulpturalen Inszenierungen „kleine und große Ereignisse“. Diese enden oftmals mit Knalleffekt. Der Künstler hat eine Vorliebe für zündende Ideen. „Stühle mit Raketen“ versperren den Weg in den ersten Ausstellungsraum. Dort steht auch das kleine „Haus mit Raketen“. Die Rauchspuren der Performance sind an den Wänden der kleinen, aus Sperrholz zusammen gezimmerten Hütte gut zu erkennen. Ein wenig erinnern die schwarzen Rußflecken an Regenschirme, was Roman Signer sehr amüsant findet.

Der Großteil der ausgestellten Arbeiten zeigt die Objekte – die eigentliche Performance hingegen ist nicht zu sehen. Es liegt am Betrachter sich auszumalen, was sich zuvor ereignet hat. Bei dem zweigeteilten Fahrrad, das mit Gummibändern an der Wand befestigt ist, fällt das besonders leicht. In der Mitte des Raumes liegt noch das Tatwerkzeug: eine Flex, mit der Signer den Stahlrahmen des Velos durchtrennte. Doch nicht immer funktionieren seine Aktionen wunschgemäß. Ein Holzhäuschen, das er einen schneebedeckten Abhang hinuntergleiten lassen wollte, bewegte sich zunächst überhaupt nicht. Es war schlicht und einfach festgefroren. Nun ist die Hütte mit Kufen im großen Oberlichtsaal des Museums ausgestellt. Der Videofilm, der Signers Performance „Alles Fährt Ski“ dokumentiert, ist in ihrem Innenraum zu sehen – schließlich hatte die Hütte doch noch Fahrt aufgenommen.

Signer beherrscht auch die leisen Gesten. Einige Werke haben einen sehr meditativen Charakter. In einem abgedunkelten Raum finden sich acht blaue Tische. Die Tischplatten bestehen aus Fassdeckeln, in denen blaugefärbtes Wasser steht. „Eine Oase der Ruhe“, schwärmt Signer. Die Schönheit der Natur stellt eine vierteilige Projektion eines Wasserfalls heraus – ein eher untypisches Werk. Ein „Motor mit Propeller“, der auf Holzskier montiert ist, wirkt dagegen erheiternd, geheimnisvoll das „Blue Movie“, das durch das Loch eines mit blau gefärbten Wasser gefüllten Fasses zu sehen ist. Dass „Blue Movie“ im Englischen einen pornografischen Film bezeichnet, ist dem Künstler natürlich bewusst. Einmal mehr will er so die Erwartungen des Publikums in die Irre führen. Etwas versteckt im Untergeschoss des Museums findet die Ausstellung mit der Dokumentation einer Performance, die Signer für die Shanghai Biennale 2012 entwickelt hat, ihren krönenden Abschluss. Eine gewaltige hohle Holzkugel – auch sie ist mit blaugefärbten Wasser gefüllt – wird zum Zerplatzen gebracht. Ein bombastisches Spektakel.      

 

Roman Signer.

Kunstmuseum St. Gallen

Museumstr. 32, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 26. Oktober 2014.

 




Kunstmuseum St. Gallen