11/09/14

Maria Tackmann

Die Karlsruher Künstlerin Maria Tackmann entwirft in ihren Bodenarbeiten poetische Ordnungen der Dinge

von Dietrich Roeschmann
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Maria Tackmann, o.T., 2013, courtesy the artist

Die Karlsruher Künstlerin Maria Tackmann entwirft in ihren Bodenarbeiten poetische Ordnungen der Dinge

Im Jahr 1929 fotografierte Man Ray in den Außenbezirken von Paris eine öde Böschung, in die jemand mit der Schaufel ein paar Stufen gegraben hatte. Davor ein kahler Baum, die Astgabel ins Nichts gereckt, am Hang daneben das Gerippe einer Parkbank ohne Sitzfläche. „Terrain vague“ nannte Man Ray diese Landschaft und lieferte damit lange vor den Situationisten und den Land-Art-Künstlern der Sechziger den Begriff für jene suburbane Übergangszonen im Stand-by-Modus, die durchtränkt sind von historischen Konnotationen und zugleich offen für das Neue, Unerwartete. Was Man Rays Fotografie zeigte, war eine Niemandslandschaft, in der sich alle Spuren der Erinnerung und der Ordnung im Ungefähren verloren und die verstreuten Überreste aus Natur und Zivilisation vor allem eines bezeugten: die vollständige Abwesenheit ihres Grunds.

Die in Karlsruhe lebende Künstlerin Maria Tackmann (*1982), die im vergangenen Jahr ihr Studium an der Karlsruher Akademie der Bildenden Künste bei Silvia Bächli als Meisterschülerin abschloss, hat seit langem ein Faible für solche Gegenden. Hier – in der vorstädtischen Natur, auf der Straße oder im Restmüll von Werkstätten – findet sie die Materialien, aus denen sie in raumgreifenden Bodeninstallationen ebenso strenge wie poetische Ordnungen der Dinge entwickelt. Der eigentümliche Modellcharakter ihrer Arbeiten speist sich vor allem aus der Metaphorik der verwendeten Materialien und aus den Beziehungen, die Tackmann zwischen ihnen stiftet. Sie gliedern sich meist in zwei Gruppen: Zum einen sind das ungeformte Objekte wie Steine, Baumrinde, Knochen oder Zweige, zum anderen weiterverarbeitete Stoffe wie Wolle, gefaltete Papiere, Glasscheiben, Bastmatten, alte Holzkästen oder Filzreste, welche die 32-Jährige oft als Objektträger nutzt.

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Maria Tackmann, Agglomeration (Stand der Dinge), 2013, courtesy the artist

Die Unmittelbarkeit ihrer Materialität lässt sie wie Verkörperungen ihrer haptischen Qualitäten erscheinen, die Tackmann mit feinem Gespür für Kontrast und Reibung in immer neuen Konstellationen zusammenbringt. Entscheidender Bezugs- und Ausgangspunkt dieser Materialcollagen ist der Ausstellungsraum selbst. Beim Auslegen der Papiere, Matten und Stoffstücke am Boden orientiert sich Tackmann meist am Verlauf von Wänden und Türöffnungen oder dem Dekor der Bodenbeläge. Zudem rahmt sie ihre Installationen hin und wieder durch Linien, die sie mit Klebeband oder Seilen am Boden definiert und so klar umrissene Zonen absteckt, in denen der Außen- und der Innenraum sowohl in der Textur der Oberflächen als auch in den flüchtigen Spuren ihrer jeweiligen Geschichte zueinander in Beziehung treten. Besonders deutlich zeigen das ihre jüngsten Arbeiten: Im Kunsthaus Baselland etwa entwarf sie eine Installation, die in Farbe und Material direkt Bezug nahm auf den ramponierten, inzwischen entfernten Sisalteppich des Ausstellungsraums. In der Stadtgalerie Bern hingegen war es ein gepflegter Fischgrät-Parkettboden, auf dem sie ihre in der Natur oder in verstaubten Werkstofflagern gefundenen Objekte zu einer wunderbar leichten Raumzeichnung arrangierte. Der Titel der Arbeit: „Terrain vague“. Schöner kann man diesen seltsam flüchtigen, entgrenzten Erfahrungsraum zwischen Erinnerung und Erwartung kaum umreißen.

Maria Tackmann: Alexander Bürkle Kunstpreis 2014.

Kunsthaus L6

Lameystr. 6, Freiburg.

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Freitag 16.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

19. September bis 9. November 2014. Vernissage: 19. September 2014, 18.00 Uhr




Kunsthaus L6