10/09/14

Alles so schön hipp hier

Der amerikanische Appropriationskünstler Richard Prince recycelt im Kunsthaus Bregenz Provokationen der Pop-Kultur

von Christian Gampert
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Richard Prince, It’s a free concert, Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz, Foto: Markus Tretter © Richard Prince und Kunsthaus Bregenz

Der amerikanische Appropriationskünstler Richard Prince recycelt im Kunsthaus Bregenz Provokationen der Pop-Kultur

Die Ausstellung heißt zwar „It’s a free concert“, aber sie kostet natürlich Eintritt, und man hört keinen Ton. Stattdessen sieht man zerknautschte Vinyl-LPs, die aber gar keine Originale, sondern Aluminiumabgüsse sind; Leinwände, auf denen sich tapetenartig Plattencover-Schrifttypen aus der Flower-Power-Ära schlängeln; den unscharfen, aber sehr

großen Tintenstrahldruck eines alten Bob-Dylan-Fotos und originale Doors-Fanaufkleber, die sinnigerweise auf Autotüren angebracht sind.

Es ist also alles Fake, Augentäuschung, Readymade oder Replik, je nachdem, wie es Richard Prince gerade passt. Seine Methode des Sich-alles-unter-den-Nagel-Reißens, hochdeutsch: der Appropriation, Aneignung hat ihn berühmt gemacht. Von Marlboro-Cowboys bis zu Werbeanzeigen und Kaufhaus-Katalogen ist nichts vor ihm sicher. So lernt man, dass die moderne Welt aus Klischees besteht. Noch ausgeklügelter seine Methode der Interview-Verweigerung – er ist ja so ein scheuer Mensch. Im Kunsthaus stellte Richard Prince, gefolgt von zwei ehrfürchtigen Assistenten, Parfümfläschchen und Haarwaschmittel wie heilige Gegenstände in Regalnischen, und wenn man dann fragt „Oh, you bought it in a supermarket?“, dann erntet man vernichtende Blicke.

Das Wichtigste an der Bregenzer Ausstellung aber sind die Autos, auch sie Elemente der Pop-Kultur. Wer je in einem alten Chevy über amerikanische Highways geschippert ist, wird magisch angezogen sein von jenen Straßenkreuzern, die Prince hier als Bildträger benutzt. In jedem Stockwerk der kahlen Räume steht so ein amerikanisches Straßenschiff, ausgebeint, ohne Sitze, ohne Technik und Innenleben, als Abguss oder Original; dafür ist es auf der Karosserie entweder einfarbig-dick bemalt oder reich beklebt mit Fotografien von barbusigen Rockerbräuten in Hot-Pants und Netzstrümpfen.

Das Auto wird hier als reine skulpturale Form benutzt, die oft sogar mit zugespachtelten Radläufen auf einem Sockel steht, mit diesem Denkmalsockel zu einer Einheit verschmilzt. Die aufgeklebten Bilder künden weniger von Männerphantasien als von weiblicher Selbstvermarktung, vor allem aber von der Sexualisierung auch der Subkultur.

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Richard Prince, Settlement Nurse, 2003, © Richard Princ

Richard Prince ist als Fotograf, als Verfremder und Verdoppler des Banalen bekannt geworden; hier tritt er vor allem als Objektkünstler in Erscheinung, der seine Autos in den klösterlichen Sälen des Kunsthauses wie auf einer Theaterbühne zu inszenieren weiß. „Diese Ausstellung, das ist zumindest ihr Ziel, soll einen so altvertrauten Künstler in ein neues Licht stellen. Und das machen wir insofern, als größtenteils neue Arbeiten, die bisher noch nie ausgestellt waren, zu sehen sind“, sagt Kunsthaus-Direktor Yilmaz Dziewior. Zum Beispiel diese: Parfümfläschchen stehen mitten in den Fotos gut geduschter, geföhnter und schick gekleideter amerikanischer Doo-wop-Gesangsgruppen der 1960er Jahre. Entertainer zumeist aus der schwarzen Unterschicht, die nach oben wollen. Zu entdecken ist auch Princes Witzkatalog ‒ seit vielen Jahren schreibt er Witze in sakral wirkenden Druckbuchstaben auf sehr große, monochrom weiß gehaltene Leinwände. „I tell you my wife likes to talk during sex. Last night she called me from a motel”. („Meine Frau mag es, beim Sex zu reden. Gestern rief sie mich aus einem Motel an“).  Diese seltsame Art von Humor ist aber nicht weniger deprimierend als das amerikanische Fernsehprogramm, das Prince in Kleinst-Druck ebenfalls über weiße Leinwände zieht.

Prince recycelt die große Zeit der Provokation, der amerikanischen 1960er- und 1970er Jahre. Und natürlich recycelt er auch sich selbst. Als Ausstellung ist das aber immer noch eine Reise wert: alles ist so hip, so clean, so gut verpackt. Die Oberflächenkultur hat längst gesiegt. 

 

Richard Prince: It’s a free concert.

Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, Bregenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr. Bis 5. Oktober 2014.

Ein Katalog erscheint im Oktober bei Walther König, Köln 2014, 200 S.,

48 Euro | ca. 70 Franken.

 




Kunsthaus Bregenz