05/09/14

Mimesis in Weiß

Das Kunstmuseum Basel und das Museum für Gegenwartskunst widmen dem amerikanischen Bildhauer Charles Ray eine Einzelausstellung

von Annette Hoffmann
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Charles Ray, Unpainted Sculpture, 1997, Collection Walker Art Center, Minneapolis, © Charles Ray, Courtesy Matthew Marks Gallery, Foto: Joshua White

Das Kunstmuseum Basel und das Museum für Gegenwartskunst widmen dem amerikanischen Bildhauer Charles Ray eine Einzelausstellung

Ein Mann bückt sich als wollte er sich einen Schuh zubinden. Allerdings ist die Figur, für die Charles Ray (* 1953) 3D-Scans von seinem eigenen Körper abgenommen hat, nackt und trägt folglich auch keine Schuhe. Ein wenig erinnert die Skulptur an antike Werke, wäre da nicht das Material Edelstahl. Doch selbst wenn der amerikanische Künstler seine Arbeiten mit weißer Farbe überzieht und so an die Erfahrungen von Generationen von Kunstbetrachtern anknüpft, spielt Charles Ray mit dieser tradierten Form der Wahrnehmung. Die Gemachtheit dieser ansonsten so realistisch wirkenden Arbeiten ist ihre zweite Natur. Und die Situation, die den Künstler zu „Shoe Tie“ inspirierte, ist kaum dazu angetan, allegorische Deutungen auszulösen. Bei einer Wanderung, so ist im Katalog nachzulesen, habe Ray sich allen Warnungen vor angreifenden Pumas zum Trotz gebückt, um seinen Schuh zuzubinden.

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Charles Ray, Shoe Tie, 2012, © Charles Ray, Courtesy Matthew Marks Gallery, Foto: Bryan Krueger

Das Kunstmuseum Basel widmet dem Bildhauer eine von Bernhard Mendes Bürgi kuratierte Einzelausstellung, die sich auf zwei Häuser ausbreitet. Dass einige der Werke wie „Shoe Tie“ im Museum für Gegenwartskunst zu sehen sind, mag eher strategischen Gründen geschuldet sein, schließlich wirkt das Haus derzeit wie abgehängt, doch braucht es beide Teile dieser Ausstellung. Im Kunstmuseum Basel reihen sich die Werke großzügig in die Flucht der Säle, die mit einer frühen Arbeit Rays starten. „Unpainted Sculpture“, für die Ray einen Abguss von einem Unfallwagen abgenommen hat, stammt aus dem Jahr 1997. Die Motorhaube des Pontiac Grand Am steigt steil nach oben, der Blick auf das Innenleben des Wagens ist freigelegt. Charles Ray geht es weniger um das Voyeuristische als um die Form, die von der Wucht des Aufpralls geschaffen wurde. Der vordere Teil des Autos ist gestaucht wie ein barockes Kleidungsstück, das in Falten gelegt ist. Charles Ray ist ein Bildhauer, der sich traditionellen Formproblemen stellt.

 

Im letzten Raum im Kunstmuseum sind zwei jüngere Skulpturen Rays zu sehen. Anders als bei seinen übrigen Arbeiten sind die Ansatzlinien des Edelstahls beim Abbild einer schlafenden Obdachlosen „Sleeping Woman“  nicht begradigt. Die zweite Figur zeigt einen Mann, der auf einem Feldbett den Schlaf anscheinend nur markiert. „Der Mime“, so der Titel des Werkes, übertreibt in seiner Darstellung. Das Gestellte, die Pose gehören zu den Eigenschaften von Rays Werken und sie braucht es ebenso wie die kühle Distanzierung durch die Übersetzung in Materialien wie Aluminium und Fiberglas, damit die menschliche Figur neu Kontur gewinnen kann und zugleich sehr fremd zurückschaut.  

        

Charles Ray

Kunstmuseum Basel

St. Alban-Graben 16, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.


Museum für Gegenwartskunst

St. Alban-Rheinweg 60, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 28. September 2014.




Kunstmuseum Basel