04/09/14

Witz plus Elektrifizierung

In der Ausstellung des tschechischen Künstlers Krištof Kintera werden Automaten zu Propheten

von Annette Hoffmann
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Krištof Kintera, I see I see I see, 2009, © Krištof Kintera, Foto: Stefan Holenstein

In der Ausstellung des tschechischen Künstlers Krištof Kintera werden Automaten zu Propheten

War da nicht etwas? Hat nicht gerade jemand etwas gesagt? Mitten in der Reizüberflutung eines Ein-Euro-Shops – 50 Prozent auf alles, hier Kleidung für Frauen, dort für Männer, und hinten gibt’s für das kühle Bad im Rhein den Schwimmfisch für satte 30 Franken – war doch eben eine Stimme zu hören ... Tatsache. Sie erzählt von Waffen, wie es sich anfühlt eine zu haben und was sich damit verändert. Die schnarrende Stimme kommt von einer Figur, die man für ein Dekorationsobjekt halten könnte. „Talkmen“ hat Krištof Kintera (* 1973) diese gesichtslosen, kindsgroßen Puppen genannt, die in seiner Ausstellung im Tinguely Museum gleich paarweise auftreten. „I’m not you“, möchte man ihnen mit dem Titel der Einzelschau des tschechischen Künstlers entgegnen.

Krištof Kintera hat dem Haus einiges abverlangt. Während der Laufzeit seiner Ausstellung ist der Eingang zur Straßenseite verlagert und manch einer übersieht vor lauter Billigangeboten die Museumskasse. Was das Museum Tinguely dafür bekommen hat, ist eine Werkschau, die keine Sehgewohnheiten bedient und komisch ist, ohne platt zu sein.

Man muss sich das Atelier Krištof Kinteras wohl als Automatenbauerwerkstatt vorstellen, in der oft Punk gehört wird. Betritt man die eigentliche Ausstellung, löst man bei mehreren entlaubten Bäumen ein Zittern aus. Niemand anderes als der mythische Atlas ist hier auf ein Baumskelett abgemagert, dessen Wurzeln eine Erdkugel tragen. Ein schöner Kommentar zur desolaten Weltlage. Und auch jetzt ist ein undeutliches Geräusch zu hören. Dreht man den Kopf in seine Richtung, ist ein Rabe zu erkennen, dessen Ausguck die Wand durchbrochen hat. Leiht man diesem mit Anzug und schwarzen Schuhen versehenen Bauchredner später auf der Galerie das Ohr, verkündet der naseweise Prophet: „Cra, cra, crisis, Krise“ oder „You must find personal solutions for all problems“. Der Unglücksvogel gefällt sich sichtlich in seiner Rolle. Doch zuvor muss man doch noch einen Blick auf die Stele aus Gipssäcken werfen, die fast bis zur Decke reicht. Sie neigt sich leicht. Und spätestens wenn man ihren Titel „Do it yourself (after Brancusi)“ gelesen hat, muss man einfach lachen.

Krištof Kintera, der in Prag und Amsterdam studiert hat, ist vom Surrealismus eines Jan Švankmajer ebenso beeinflusst wie von tschechischen Animationsfilmen und dem Puppentheater. Ironie, so erzählt er im Interview in der begleitenden Publikation, sei etwas, mit dem man sich in der Tschechei gut auskenne. Die Pointen, die Kintera setzt – und dies tut er unablässig – sind hintergründig. Im Untergeschoss des Museums ist mit „Bad News“ eine Installation zu sehen, die es an Unheimlichkeit mit dem Todestheater Tinguelys aufnehmen kann und die spüren lässt, dass Kinteras künstlerische Anfänge in der Performancekunst liegen. Eine menschlich-animalische Figur mit beachtlichen Hörnern, Huf und Schwanz ausgestattet, beugt sich über ein Schlagzeug. Der Persianer hüllt sie fast vollständig ein, das Gesicht ist verdeckt, der Schlegel in der Hand rührt rhythmisch in einem Bierglas, mit dem Pedal bedient sie das Schlagzeug. Die Nachrichten, die dazu aus dem Radio dringen, sind wirkliche Bad News. Sie informieren über steigende Ölpreise und die Bankenkrise oder wiederholen Reden Erich Honeckers. Niemand anderes als der Teufel kann hier den Takt angeben. In einem engen Gang knallt eine Figur von kleiner Gestalt immer wieder mit der Stirn gegen die Wand. Ihr Titel lautet „Revolution“. Von wegen steter Tropfen höhlt den Stein – mit Fortschrittsoptimismus muss man Kintera gar nicht erst kommen.

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Krištof Kintera, My light is your light – Shiva Samurai (50 KW/50 HZ), 2014, Installationsansicht im Museum Tinguely, 2014, © Kristof Kintera, Foto: Stefan Holenstein

Der tschechische Künstler setzt aus Getränkedosen Palmen zusammen, die aus Sandhügeln wachsen und enthüllt so die wahre Natur unserer Sehnsüchte, er macht aus Christbaumkugeln und Bällen aller Art atemberaubende Skulpturen, aus Lampen eine Lichtinstallation, die den Raum erstrahlen lässt und zugleich ein scheinheiliger Riese ist. So erwachsen kann man sich also in Ausstellungen amüsieren.   

 

Krištof Kintera: I Am Not You.

Museum Tinguely

Paul-Sacher-Anlage 2, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr. Bis 28. September 2014.

Katalog: Museum Tinguely, Basel 2014, 68 Franken (nur im Shop).

 




Museum Tinguely