01/10/12

Abschied vom Jugendbonus

Zum 30. Geburtstag des Manor-Kunstpreises zeigt das Aargauer Kunsthaus die junge Schweizer Szene.

von Dietrich Roeschmann
Thumbnail

Zum 30. Geburtstag des Manor-Kunstpreises zeigt das Aargauer Kunsthaus die junge Schweizer Szene.7788lucmattenberger.jpg

Flapp, flapp, flapp!, tönt es aus dem Entrée des Aargauer Kunsthauses. In einem raumfüllenden Verhau aus Stahlrohr und Maschendraht hat Luc Mattenberger einen Hubschrauberrotor installiert, der in gemächlichem Tempo seine Kreise zieht. An Abheben kaum zu denken. Andererseits: Hängt da nicht ein Schaltkasten am Zaun? Ein bisschen an der Drehzahl manipuliert, könnte die Maschine vielleicht schon morgen durch die Decke schießen ... Mattenbergers Installation ist eine hübsche Metapher auf den Schwebezustand des Formats „Junge Kunst“, dem das Kunsthaus derzeit eine ebenso unaufgeregte wie kurzweilige Schau widmet. Anlass ist das 30-jährige Jubiläum des Manor-Kunstpreises, doch das Thema ist weiter gefasst. Es geht ganz grundsätzlich um die Lust am Neuen, am Frischen, absolut Gegenwärtigen – und um einen gültigen Überblick über die junge Szene. „La jeunesse est un art“ versammelt dazu Arbeiten von 49 Künstlerinnen und Künstlern aus der Schweiz. Sie alle sind unter 40 und wurden von sechs ebenfalls ziemlich jungen Schweizer Kuratorinnen und Kuratoren ausgewählt.

Eine Generation sichtet sich also gewissermaßen selbst. Umso mehr überrascht es da, dass „Jungsein“ in dieser Schau so gut wie keine Rolle spielt. Zwar parkt Valentin Carron hier als lakonische Erinnerung an die eigene Jugend zwei topsanierte, technisch überholte Vespa-Mofas aus den Achtzigern im Kunstraum, und auch Sandrine Pelletier und Beni Bischof greifen in ihren installativen Arbeiten auf unterschiedliche Weise auf die Archive der Jugendkultur zurück. Doch es wäre abwegig, daraus einen roten Faden spinnen zu wollen. Der eigene kulturelle und soziale Kontext, der bis vor kurzem bei vielen jungen Künstlerinnen und Künstlern noch Produktionsort und Gegenstand der Arbeit in einem war, ist aus dem Fokus gerückt.
Breiten Raum nehmen in Aarau dagegen Arbeiten ein, die einen eigenwilligen Dialog mit dem kunsthistorischen Erbe suchen. Während Claudia Comte so in einer Art retromodernistischem Kettensägenmassaker zwei große, alte Männer der Bildhauerei – Moore und Brancusi – wiederauferstehen lässt und Vanessa Safavi abstrakte Metallskulpturen zu einem lichten Bauhaus-Ballett arrangiert, präsentiert Thomas Julier auf dem blanken Betonboden nichts als ein billig gedrucktes Plakat zum Mitnehmen, auf dem er per Online-Recherche seine persönliche MoMA-Klassiker-Top-10 zusammengestellt hat. Perfide: Um es aufzuheben, muss man vor den Helden der Moderne in die Knie gehen. Shirana Shahbazi zeigt daneben eine atemberaubend schöne Wandarbeit mit vor der Studiokamera konstruierten Pseudo-Fotogrammen im Man Ray-Look, während Kilian Rüthemann ein paar Räume weiter mit vier an der Wand lehnenden Stahlblechboxen beeindruckt, die sich unter ihrem eigenen Gewicht gegenseitig zu zerquetschen drohen – Post Minimal vom Feinsten. Auch ansonsten ist der historische Referenzrahmen hier weit gesteckt. Angefangen von Da Vincis „Abendmahl“, das Christian Gonzenbach zur Skulptur geformt und als subversiven Kommentar zur Heldenrezeption der Kunstgeschichte im Raum platziert hat, reicht er bis in die jüngsten Gegenwart: die von Aufsichtspersonen vorgetragene Performance des jungen Berners Omar Alessandro zitiert so ganz im Geist der Appropriation Art den ebenfalls noch jungen, aber international bereits als Weltstar gehandelten Deutschen Tino Sehgal. Es ist eine kluge Arbeit über den Zusammenhang von Jugendbonus, Erfolg und Originalität, die ganz nebenbei auch eine Brücke zum eigentlichen Anlass dieser Schau schlägt. Gefeiert wird mit dem Manor-Kunstpreis nämlich nichts weniger als eines der wichtigsten und effizientesten Förderinstrumente der jungen Schweizer Kunstszene. 1982 in Luzern ins Leben gerufen, wird er seither alle zwei Jahre in zwölf Schweizer Städten an Kunstschaffende unter 40 vergeben. Neben einem Preisgeld erwartet die Ausgezeichneten eine institutionelle Soloschau, zu der jeweils ein Katalog erscheint, bei dessen Produktion die Künstler freie Hand haben. Die so entstandene Bibliothek umfasst mittlerweile 130 Bände. Im Untergeschoss des Aargauer Kunsthauses, in einem von Daniel Robert Hunziker entworfenen Display, erzählen sie derzeit überaus anschaulich vom Luxus und von der Notwendigkeit, jungen Kunstschaffenden ein Sprungbrett zu bauen.


La jeunesse est un art: Jubiläum Manor Kunstpreis 2012.
Aargauer Kunsthaus

Aargauerplatz 1, Aarau.

Öffnungszeiten:Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 18. November 2012.
Am 18. Oktober 2012 findet um 18.30 Uhr ein Künstlergespräch mit Stefan Burger, Saskia Edens, Florian German, Ester Kempf und Luc Mattenberger statt.
Aargauer Kunsthaus