03/09/14

Sammlungen kritisch diskutieren

Eigentlich hat das Kunsthaus Baselland keine eigene Sammlung – aber irgendwie doch. Anlässlich der aktuellen Ausstellung „Collecting. Umgang mit Sammlungen“ sprach unsere Autorin Eva Falge mit Kunsthaus-Direktorin Ines Goldbach über das Sammeln.

von Eva Falge
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breadedEscalope, Original Stool Basel, 2014, Foto: breadedEscalope

Eigentlich hat das Kunsthaus Baselland keine eigene Sammlung – aber irgendwie doch. Anlässlich der aktuellen Ausstellung „Collecting. Umgang mit Sammlungen“ sprach unsere Autorin Eva Falge mit Kunsthaus-Direktorin Ines Goldbach über das Sammeln.

artline: Was gab den Anstoss für die aktuelle Ausstellung „Collecting. Umgang mit Sammlungen“ im Kunsthaus Baselland?

Ines Goldbach: Die jetzige Ausstellung habe ich zum Anlass genommen, mich zu fragen, was es eigentlich heisst mit Sammlungen „umzugehen“? Das Kunsthaus Baselland, vom Format her eine Ausstellungshalle, hat eigentlich keine eigene Sammlung. Dennoch gibt es zum Beispiel die kantonale Sammlung Neue Medien dotMov.bl. Gleich zu meinem Stellenantritt im letzten Jahr habe ich begonnen, mit ihr zu arbeiten, da ich in ihr grosses Potenzial sehe und es als Glücksfall empfinde, für sie mit verantwortlich sein zu können. Diese Sammlung besteht seit den 1990er Jahren und wird vom Kanton Basellandschaft bzw. kulturelles.bl kontinuierlich durch Ankäufe von Künstlerinnen und Künstlern, die in der Region tätig waren oder sind, erweitert.

 

artline: Wo ist die Sammlung zu sehen?

Ines Goldbach: Die Werke sind an den sogenannten Medienstationen im Palazzo Liestal und Kunsthaus Baselland öffentlich einsehbar. Die meisten Arbeiten aber brauchen ihre adäquate Präsentationsweise, da sie unterschiedliche Medienformate haben, wie Mehrkanalprojektionen, Einbettungen in Installationen usw. Es ist daher entscheidend, dass die Arbeiten werkgerecht präsentiert oder auch die Fragen nach neuen Präsentationsweisen zusammen mit den Künstlerinnen und Künstlern entwickelt werden. Mit diesen Fragestellungen habe ich daher bereits im letzten Herbst mit der Ausstellung „Making Visible“ begonnen und führe dies nun, im Rahmen der Ausstellung „Collecting“ mit einer kleineren Auswahl an Arbeiten weiter.

 

artline: Woran liegt es, dass der Sammlung dotMov.bl bis zu Ihrer ersten Ausstellung im Oktober 2013 kaum Beachtung im Rahmen von Ausstellungen geschenkt wurde?

Ines Goldbach: Der Kanton hat sich, neben der konsequenten Weiterführung der Sammlung, sprich dem Ankauf von Werken, zur Aufgabe gemacht, die unterschiedlichen Film- und Videoformate, deren Konservierung zum Teil schwierig ist, in die Zukunft zu führen. Die Werke nun adäquat kontinuierlich auszustellen, ist eine andere Fragestellung und jedes Mal mit grossem Aufwand verbunden. Auch braucht es dafür den Ort Institution, um dies umsetzen zu können.

Momentan sind etwa drei Positionen aus der Sammlung dotMov.bl ausgestellt. An ihnen wird deutlich, wie wichtig eine adäquate Präsentation ist. Beispielsweise ist die in der Sammlung vertretene Videoarbeit von Sonja Feldmeier Teil eines Werkkomplexes. Sieht man sie nun eingebettet in ihre umfangreiche Werkgruppe aus Modellen, grossformatigen Gemälden und weiteren Elementen wird deutlich, wie sich alles aufeinander bezieht und erhält dadurch ein ganz anderes Verständnis für die Arbeit. Ähnlich verhält es sich mit den präsentierten Arbeiten von Alex Silber und Manon Bellet.

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Alex Silber, Konserve, Videostill, 1981

artline: Sie zeigen neben dieser Auswahl aus der Sammlung dotMov.bl noch ganz andere Werkpräsentationen. Worum geht es dabei?

Ines Goldbach: Der zweite Aufhänger für die Ausstellung ist mit der Geschichte des Kunsthauses und dem Kunstverein Baselland verbunden. Letzterer ist 1944 gegründet und hatte sich zur Aufgabe gemacht, insbesondere regionale Künstlerinnen und Künstler durch Ausstellungen und Ankäufe zu fördern. Der Kunstverein war bis in die späten 1990er Jahre ortlos. Mit der Öffnung des Kunsthauses wurde dann die aktive Sammlungspolitik aufgegeben, um sich neuen Aufgaben zu widmen. Bei dieser Sammlung, die ich hier im Haus habe, finde ich es wichtig zu hinterfragen, wie sie sich zusammensetzt. Um sie aber bewerten zu können, muss man sie jedoch erst einmal sehen können, das heisst sie muss über einen längeren Zeitraum ausgestellt werden.

 

artline: Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl der Werke aus der Sammlung des Kunstvereins Baselland getroffen?

Ines Goldbach: In der Ausstellung zeige ich eine kleine Auswahl von Werken, die alle im Zeitgenössischen anzusiedeln sind und die eine Linie aufzeigen, an die man theoretisch auch wieder anschliessen könnte. Das wird sicher nicht mit einer aktiven Ankaufs- und Sammlungspolitik geschehen, denn dafür fehlen dem Kunsthaus Baselland Gelder und Räumlichkeiten, aber vereinzelt wäre dies eben doch möglich. Die nun gezeigten Künstlerinnen und Künstler sind alle schon etwas älteren Jahrgangs, sind aber, bis auf eine Ausnahme, immer noch aktiv in Basel oder der Region tätig und prägen daher in unterschiedlicher Intensität auch dessen kulturelles Leben. Durch die jetzige Ausstellung dieser Positionen kann auch die Frage nach der Relevanz von Werken gestellt werden, unabhängig von dem Jahr ihrer Produktion.

 

artline: Wie fügt sich die Wiener Gestaltergruppe breadedEscalope in diese Thematik des Sammelns ein?

Ines Goldbach: Das Kollektiv breadedEscalope nimmt das Thema auf einer ganz anderen Ebene auf, stellt es aber zentral in den Werkprozess. Sie sammeln Gegenstände, kollektive Handlungen und damit auch Erinnerungen. Das Basler „Represent“, das im Kunsthaus Baselland entstanden ist, hat mit dieser Fragestellung nach materieller Wertigkeit zu tun. Es ist schön, dass sie diese Wertigkeit nochmal neu diskutieren. Denn Dinge, die für den einen aus unterschiedlichen Gründen wertvoll sind, können für den anderen banal sein. Ausschlaggebend für mich war auch, dass sie auf eine ganz eigene Art den Prozess in den Vordergrund stellen und sich dabei mit der Frage der Verbindung von Objekt und Ort auseinandersetzen. Sie schaffen eine Ausgangslage, auf der das Thema Sammeln nochmal anders diskutiert werden kann. Was ist uns wert gesammelt zu werden; wie entwickelt sich die Wertigkeit von Objekten; wie gehen wir mit Sammlungen um; was heisst es, Dinge loslassen zu müssen oder zu können? Darüber hinaus beleuchten sie die stets unscharf diskutierte Definitionsfrage nach der Grenze zwischen Kunst und Design.

 

artline: Momentan ist zu beobachten, dass man sich in Museen vermehrt mit dem Thema Sammlung auseinandersetzt, sei es durch Ausstellungen oder Vorträge. Wie sehen Sie die Beziehung der Häuser zu Sammlungen und was macht die hohe Aktualität zwischen (Privat-) Sammlung und Museen aus?

Ines Goldbach: Das ist eine alte Diskussion, ob Privatsammlungen nun Fluch oder Segen für öffentliche Institutionen sind. Oftmals basieren aber wichtige museale Sammlungen auf hochkarätigen Privatsammlungen. Dank privatem Engagement kommen oft erst Werke in ein Museum, für die ein öffentliches Haus schlicht keine Mittel hätte, um diese zu erwerben.

Das Kunsthaus Baselland ist als Ausstellungshaus keiner Sammlung verpflichtet und hier haben wir zugleich die Möglichkeit, mit einem solchen Format umzugehen.

Für mich wird auch in Zukunft zentral die Frage und Aufgabe sein, für das, was da ist, verantwortlich zu sein und dies immer wieder neu zu hinterfragen; und ein Ort zu sein, an dem Neues entstehen kann, an dem Künstlerinnen und Künstler vereinzelt auch neue Werke produzieren können wie es beispielsweise jetzt mit der New Yorker Künstlerin Sarah Oppenheimer möglich wurde.

 

artline: Welche Reflexion im Umgang mit Sammlungen erhoffen Sie sich durch die Ausstellung anzustossen?

Ines Goldbach: Ich wünsche mir einen neugierigen, aber gleichzeitig auch einen hinterfragenden Blick auf dieses Thema. Ich finde es wichtig, dass man kritisch diskutiert, was etwa das Selbstverständnis einer Sammlung oder eines Sammlers ist. Warum ist etwas wertvoll und etwas anderes nicht? Auch gängige Begrifflichkeiten wie den des Sammlers dabei zu hinterfragen. Ich denke, dass man mit Ausstellungen einerseits die Werke versuchen sollte, bestmöglich zu präsentieren, andererseits soll es aber auch möglich sein, Fragen zu eröffnen statt Behauptungen aufzustellen.

 

Collecting. Umgang mit Sammlungen

Kunsthaus Baselland

St. Jakob-Str. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 7. September 2014.




Kunsthaus Baselland