01/09/14

Abgehangener Horror, neu arrangiert

Das Kunsthaus Zürich widmet der amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman eine umfassende Retrospektive

von Aline Juchler
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Cindy Sherman, Untitled # 544, 2010/12, Astrup Fearnly Collection, Oslo, © Cindy Sherman, Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Das Kunsthaus Zürich widmet der amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman eine umfassende Retrospektive

Etwas abstossend sind einige der Bilder ja schon, andere auch verwirrend oder witzig. Nur selten sind sie hübsch anzusehen oder leicht konsumierbar, aber der Blick bleibt an ihnen hängen, wie am Foto einer missglückten Schönheitsoperation – wir wollen nicht wirklich, können jedoch nicht widerstehen, genauer hinzuschauen.

„Untitled Horrors“ nennt sich die erste Retrospektive von Cindy Sherman in Europa, die derzeit im Kunsthaus Zürich zu sehen ist. Die 60-jährige Amerikanerin gehört zu den Überfiguren der zeitgenössischen Kunst. Mit grosser Konsistenz untersucht die Fotokünstlerin seit den 1970er Jahren Codes und Darstellungsformen der westlichen Bilderwelt in Form von Selbstporträts. Sie verkleidet und schminkt sich, schlüpft immer wieder in andere Rollen, früher mithilfe bisweilen grotesker Masken und Prothesen. In jüngster Zeit verzichtet sie dank digitaler Bildbearbeitungsprogramme auf das Make-up – geblieben ist ihr Sinn für bizarre Figuren. Auch wenn Shermans Inszenierungen leicht durchschaubar sind, bleiben sie nicht ohne Effekt. „Wie bei der Fiktion in einem Roman ist es nicht die Realität in der Geschichte, die uns berührt, sondern die Realität in den Gefühlen, die sie erweckt“, beschreibt der norwegische Autor Karl Ove Knausgård die Wirkung von Shermans Bildern.

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Cindy Sherman, Untitled #170, 1987, Collection Metro Pictures, New York, © Cindy Sherman, Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Die Werkschau wurde vom Kunsthaus Zürich, dem Astrup Fearnley Museet, Oslo und dem Moderna Museet, Stockholm realisiert und gemeinsam mit der Künstlerin zusammengestellt. Bewusst wählten die Kuratoren keine linear-chronologische Anordnung, sondern haben die Werke einzelner Serien im Wechsel gehängt, um „einen frischen Blick auf das Schaffen dieser wichtigen Künstlerin“ zu ermöglichen. Die Ausstellung setzt nicht auf eine Vermittlungs-Tour-de-Force, sondern entlässt das Publikum lediglich mit einem aufliegenden Saaltext in Shermans Bildwelt. Eigens für „Untitled Horrors“ entwickelt, bietet das Kunsthaus zudem eine App zum Download an, um all die Hintergrundinformationen in Form eines Audio-Guides zu geben, welche in der Schau selbst nicht vorhanden sind. Den Besuchern bleibt überlassen, ob sie davon Gebrauch machen – oder lieber das „Untitled Horror“-Selfie-Tool für Do-It-Yourself-Sherman-Bilder nutzen.

Bis zum Schluss hält sich ein Gefühl von Freiheit, sowohl in der Interpretation als auch in der Art und Weise, wie man sich durch die Einzelschau bewegt. Gezeigt werden über 100 Werke, grosszügig verteilt in einer unauffälligen Ausstellungsarchitektur. Als Auftakt hängen links vom Eingang Abzüge von Shermans ikonischer Serie „Untitled Filmstills“ (1977–1980). Daneben folgen vier grossformatige Arbeiten, welche alle unterschiedlichen Serien entstammen; indem sie lückenlos Rahmen an Rahmen gehängt werden, entsteht ein Bildgefüge, das auch als zusammengehörige Werkgruppe betrachtet werden kann. Dass zwischen den einzelnen Fotografien zum Teil fast zwanzig Jahre liegen, ist sekundär. Wichtig ist, dass durch diese Präsentationsform Shermans Werk als sehr einheitlich erscheint.

Die Haltung, eine Ausstellung einzurichten, welche neue Bezüge zwischen Arbeiten einer viel gezeigten Künstlerin erlaubt, bestimmt auch den Katalog. Wer Abhandlungen von Kunsthistorikern und Kuratoren sucht, wird enttäuscht werden, stattdessen wurden Autorinnen wie Miranda July oder Sibylle Berg eingeladen, literarisch auf bestimmte „Untitled“ Arbeiten zu reagieren. Cindy Shermans Werk, das selbst sehr stark auf Geschichten, Filmen oder Märchen basiert, wird so zur Inspirationsquelle für neue Geschichten. In dem Sinne gilt das für uns alle: Durch die konsequente Nicht-Betitelung ihrer Arbeiten lässt Sherman vieles offen und aktiviert unsere eigene Fantasie, um mögliche Back-Stories der skurrilen Figuren auszudenken. 


Cindy Sherman: Untitled Horrors.

Kunsthaus Zürich

Heimplatz 1, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Freitag bis Sonntag

10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 14. September 2014.

Das Katalogbuch zur Ausstellung ist erschienen bei Hatje Cantz,

Ostfildern 2014, 232 S., 39,80 Euro | ca. 53 Franken.

 




Kunsthaus Zürich