08/03/11

Spiel mit Obsessionen

Die Schweizer Künstlerin Manon entdeckt in ihrer Serie „Hotel Dolores“ die verfallende Pracht der Bäderkultur

von Annette Hoffmann
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Manon, aus der Serie Hotel Dolores, 2009/2010, courtesy die Künstlerin, © Pro Litteris Zürich

Die Schweizer Künstlerin Manon zeigt im Aargauer Kunsthaus die verfallende Pracht von "Hotel Dolores"

Es ist die letzte Aufnahme der Serie „Hotel Dolores“, die nun erstmals im Aargauer Kunsthaus zu sehen ist: Manon rafft die Enden des schwer fallenden Stoffes auf der Höhe ihres Halses zusammen. Die Falten zeichnen ihren Körper ab als sei es ein Madonnenmantel. Oberhalb ihrer Hände bildet sich eine spaltförmige Öffnung, durch die ihr Kopf mit der weißen Binde und den rot geschminkten Lippen sichtbar wird. Derart theatralische Inszenierungen des weiblichen Geschlechtes finden sich in der Gegenwartskunst selten. Der goldfarbene Vorhang fungiert dabei als eine Art ikonischer Hinweis, die Fotografie als Inszenierung zu nehmen.

Seit Manon 1974 ihr „Lachsfarbenes Boudoir“ geöffnet hat, bespielt die Schweizer Künstlerin Bühnen und lädt die Betrachter auf ein komplexes Spiel mit ihren und den eigenen Obsessionen ein. Ihre neueste Serie „Hotel Dolores“, die in den letzten zwei Jahren im aargauischen Baden entstanden ist, führte die 1946 geborene Manon in die Bäderhotels des 19. und 20. Jahrhunderts. Der ehemalige Glamour dieser Räume ist zur Melancholie des Verfalls heruntergekommen. Bei ihren Entdeckungstouren durch die verlassenen Hotels ist Manon auf brüchige Dielen und zusammengebrochene Treppen gestoßen. Zugleich aber muss sie das Stimmige des Genius Loci für ihre Arbeiten erkannt haben – das Intime der Räume, aber auch das Mondäne und das den Körper kontrollierende und disziplinierende Moment. So sind auf einigen der 30 ausgewählten von bislang 170  Fotografien Blutdruckmessgeräte, Behandlungsstühle, Highheels, die wie Prothesen wirken, zu sehen. Der weibliche Körper, wie er dem Betrachter in Manons Aufnahmen begegnet, ist einer, der Restriktionen unterworfen ist. Häufig wird eine Nähe zu SM-Praktiken angedeutet, aber selbst die Rasur ihres Kopfes bewirkte eine Betonung der Körperlinie, der mandelförmig geschminkten Augen, hin zum Ornamentalen. Einige ihrer Inszenierungen scheinen die surrealen Bildfindungen Man Rays aufzugreifen und nachzustellen. Mag sein, dass Manon ihren eigenen Körper dabei derart kontrolliert hat, dass sie dadurch die Kontrolle über andere Körper, aber auch über deren Blicke gewonnen hat. 1976 schuf sie bei ihrer Performance „Manon Presents Man“ in einem rot beleuchteten Zürcher Schaufenster für sich und mehrere stereotypischen Männerdarsteller eine Plattform. Ihre Arbeiten der 1970er und -80er Jahre sind nicht allein im Kontext der Frauenbewegung jener Zeit zu sehen, die Codes, die sie zitierte, entstammen weitgehend der Popkultur, in die das Maschinelle und Androgyne Eingang gefunden hat. Das Pathos, das sie dabei erzielt, ist vergleichbar mit den Performances von Marina Abramovic. Bei Cindy Sherman jedoch, die ein anderer Verweis wäre, wird die Inszenierung weniger zur Selbstdarstellung und wirkt dadurch weniger zwanghaft.

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Manon, aus der Serie Hotel Dolores, 2009/2010, courtesy die Künstlerin, © Pro Litteris Zürich

„Hotel Dolores“ hat dabei auch den Charakter eines Selbstporträts. Wie in einer Art Rückschau blendet Manon frühere Fotoarbeiten in die vorgefundenen Interieurs ein. In einen Spiegelrahmen hat sie eine Fotoarbeit aus der Serie „Borderline“ aus dem Jahr 2007 eingefügt. Manons weiß geschminktes Gesicht nimmt nicht nur den größten Teil des Bildes ein, es hebt sich auch vom schwarzen Pulli ab. Der Stern, der sich über ihr Antlitz zieht, findet sich auch auf einem Necessaire wieder. Links davon liegt ein lachsfarbenes Negligee. In einer anderen Aufnahme der Dolores-Serie ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus der Werkreihe „La dame auch crâne rasé“ aus den Jahren 1977/78 zu sehen. Sie zeigt den kahl rasierten Schädel der jungen Frau, der durch einen Schattenwurf in zwei Hälften geteilt wird, hinter der Dachbrüstung sind die Hochhäuser einer Großstadt zu sehen. „Hotel Dolores“ ist aber umso mehr eine Selbstreflexion als sie in dieser Serie das Vergehen der Zeit reflektiert, im Dialog mit ihren früheren Arbeiten, aber auch im Dialog mit den Hotels und ihrer vergangen Pracht. Die Schönheit vergeht, die Inszenierung bleibt.

 

Manon, Hotel Dolores.

Aargauer Kunsthaus, Aargauerplatz, Aarau.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 25. April 2011.

Am 31. März 2011 findet um 18.30 Uhr ein Gespräch zwischen Manon, Madeleine Schuppli und Claudia Spinelli.




Manon
Aargauer Kunsthaus