10/07/14

Handwerk des Tötens

Teresa Margolles überführt Vermisstenanzeigen aus Ciudad Juárez in das Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst

von Annette Hoffmann

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Teresa Margolles, La búsqueda, 2014, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, Foto: FBM Studio, Courtesy the artist & Galerie Kilchmann, Zürich

Teresa Margolles überführt Vermisstenanzeigen aus Ciudad Juárez in das Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst

Töten ist kein schönes Handwerk. Wird es respektabler oder gar glamouröser, wenn es mit Gold überzogenen und mit Brillanten versehenen Waffen geschieht, es von Sängern gepriesen und in Filmen gefeiert wird? Mexikanische Drogenkartelle haben ihre eigene Kultur. Sogar einen eigenen Schutzheiligen beten die Narcos an. Und seit nicht nur die Leichen, die sie zurücklassen, sondern auch ihre Folklore der Grausamkeit öffentlich betrachtet werden kann, dürfte sich der Schauer, den sie auslösen, noch einmal vergrößert haben. Man entgeht nicht dieser dunklen Faszination, die an den Kartellen klebt wie die Leichenpartikel an Teresa Margolles‘ Kunst. Margolles (*1963), studierte Kommunikationsdesignerin und gerichtsmedizinische Assistentin, war Gründungsmitglied der Künstlergruppe Semefo. Der Name leitet sich von der Abkürzung der Gerichtsmedizin (Servico Médico Forenso) ab. Teresa Margolles macht Kunst mit dem Wasser, mit dem Drogenopfer gewaschen wurden, ließ es durch Reinigungsfahrzeuge auf die Straße spritzen, die Mexiko mit den USA verbindet oder verwandelte es in Seifenblasen. Und überhaupt erinnert jedes ihrer Werke an die explodierende Gewalt des mexikanischen Drogenkriegs, in dem die Frauenmorde von Ciudad Juárez so etwas wie der größte Ausschlag darstellen.

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Teresa Margolles, La búsqueda, 2014, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, Foto: FBM Studio, Courtesy the artist & Galerie Kilchmann, Zürich

Jetzt in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz „La búsqueda“ im Migros Museum für Gegenwartskunst greift Margolles jene Morde auf, die seit etwa 25 Jahren in dieser Grenzstadt stattfinden. Unter den Opfern sind viele Arbeiterinnen der großen Fabriken der Zollfreihandelszone. Auch der Titel der Zürcher Ausstellung bezieht sich auf die Mordserie und die Versuche örtlicher Polizeibehörden ihrer Herr zu werden. „La búsqueda“, die Suche, ist die wesentliche Arbeit dieser Ausstellung eine zweite „Mesa y dos bancos“ befindet sich auf der Terrasse des Zwischengeschosses. Dem Zement, aus dem das Tisch-Bank-Ensemble gegossen wurde, ist Erde beigemengt, auf der ein Ermordeter gefunden wurde. Margolles hat für „La búsqueda“ acht Glasscheiben, die mit Vermisstenanzeigen beklebt sind, aus dem öffentlichen Raum von Ciudad Juarez in das Museum überführt. Dort stehen sie nun, in Metallrahmen justiert und mit den originalen Spuren des letzten Regenschauers imprägniert. Die Plakate sind eingerissen, wurden von einem Eröffnungsangebot oder dem Schlussverkauf überklebt, das Wetter hat sie in Mitleidenschaft gezogen und doch sind sie der letzte Versuch, den Frauen individuell gerecht zu werden, denen vermutlich längst der Tod ihre Persönlichkeit nahm. In Zürich sind diese Displays in einem abgedunkelt wirkenden Raum aufgestellt, in dem auf- und abschwellend das Geräusch von Zügen zu hören ist, das jeweils von den Glasscheiben ausgeht. Auch dies stammt direkt aus Ciudad Juárez, durch das eine Güterbahnlinie geht. Man kann in ihm natürlich ein Symbol dafür sehen, wie menschliches Leben einer Merkantilisierung und letztlich der Entwürdigung durch die Verbrechen unterzogen wird. Doch ähnelt Margolles‘ Installation mehr einer Theaterkulisse. Das Authenische, das Margolles hier einsetzt, schlägt merkwürdigerweise in das Gegenteil um und wird zur Behauptung anstatt Rührung zu erzeugen. Sowohl die Mordattribute der Narcos als auch die Werke von Teresa Margolles sind Reliquien des Todes.

Teresa Margolles, La búsqueda

Migros Museum für Gegenwartskunst

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 17. August 2014.

 

 




Migros Museum für Gegenwartskunst