08/07/14

Potemkinsche Dörfer

Die Ausstellung „Urbane Landschaftskulissen“ im Kunsthaus L6 zeigt Arbeiten von Fotografen aus dem Dreiländereck

von Annette Hoffmann
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Gauthier Sibillat, Sans titre, 2014 (links), Simone Demandt, Garagen, aus der Serie Freude am Leben, 2001-2003, Foto: Martin Krauss

Die Ausstellung „Urbane Landschaftskulissen“ im Kunsthaus L6 zeigt Arbeiten von Fotografen aus dem Dreiländereck

Jetzt nur einmal angenommen, der Besucher der aktuellen Ausstellung im Kunsthaus L6 „Urbane Landschaftskulissen“ wäre Katharina die Große, dann bekäme er diese Rückwand garantiert nicht zu Gesicht. Gauthier Sibillats Arbeit ist eine Theaterkulisse ähnlich den Potemkinschen Dörfern, die man für die russische Kaiserin errichtete, um den wahren Zustand ihres Landes zu beschönigen. Sibillats Billboard ist auf Europaletten aufgestockt und wird durch rückwärtige Holzträger gestützt. Auf der Vorderseite jedoch, die den Besucher dieser Fotografie-Ausstellung abrupt abfängt, ist eine Straßenecke mit einer Plakatwand zu sehen. Das Billboard jedoch wirbt für einen längst abgehaltenen Schlussverkauf, lediglich die Überbleibsel der letzten Plakate sind zu sehen, die die Werbetafel zu einer Art Leinwand machen. Die bunten Papierfetzen ergeben ein abstraktes Gemälde, das der französische Fotograf zudem gespiegelt hat. Mitten durch das Bild geht eine Symmetrieachse, die die gesamte Ansicht wie einen überdimensionalen Rorschachtest wirken lässt.

Die fotografischen Annäherungen der von Anne Immelé kuratierten Ausstellung „Urbane Landschaftskulissen“ suchen keine Schwundstufen der Natur inmitten der Städte. Sie verstehen Landschaft als Konstrukt. Und dies ist nicht allein durch das Medium der Fotografie bedingt, diese grundsätzliche Auffassung spiegelt sich in den Werken der sieben beteiligten Künstlerinnen und Künstler. Dass diese sowohl aus Frankreich, der Schweiz als auch aus Deutschland stammen, ist kein Zufall. Anne Immelé ist jemand, der selbst gerne über die Grenze schaut. Die Mulhouser Fotografin hat bereits in Freiburg im Centre Culturel Français und im T66 ausgestellt und ist Mitinitiatorin der „Biennale de la photographie de Mulhouse“. Die Ausstellung „Urbane Landschaftskulissen“ ist eine Kooperation des Trägervereins der Fotografiebiennale L’Agrandisseur mit dem Kunsthaus L6 und dem T66 kulturwerk. Jeder der beteiligten Institutionen konnte Künstlerinnen und Künstler für die Ausstellung vorschlagen.

Die Stadt bildet dabei die Klammer für die unterschiedlichen Ansätze der gezeigten Werke. Florian Tiedjes Wandarbeit „Die Wanderin“ etwa entstand am Stadtrand von Mulhouse. Auf seiner Tapete, die in vier Teilen direkt auf die Wand geklebt wurde, sieht man die charakteristische Bebauung von Trabantenstädten, links davon ältere Häusertypen und davor eine Brache mit Streuobstbäumen, an denen sich ein Weg vorbeischlängelt. Eine Gruppe von Schulkindern ist auf dem Nachhauseweg, in einem Wasserloch haben sich Reifenspuren eingegraben, die Balkone sehen belebt aus. Mag auf den ersten Blick noch alles seine Richtigkeit haben, bemerkt man dann, dass die Übergänge zwischen den einzelnen Teilen nicht stimmen können. Gleich zwei Mal ist eine Frau auf der Aufnahme zu sehen, ihr jeweiliger Standort markiert Anfang und Ende des Weges. Tatsächlich hat Florian Tiedje, der 1964 in Düsseldorf geboren wurde und mittlerweile im Elsass lebt, zeitlich versetzte Fotografien zu einem großen Bild verbunden. Jedes Bild, jede Form von Natur inmitten der Stadt spielt mit der Illusion.

Pierre Filliquet hingegen dokumentiert die unmittelbare Nachbarschaft traditioneller und zeitgenössischer Bauweise im japanischen Sapporo. Auf seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die in der Freiburger Ausstellung in einer Projektion zu sehen sind, breiten sich Schneewechten über niedrige Dächer hin zum Hof aus, im Hintergrund sind Hochhäuser zu erahnen, die komfortabler, aber auch gesichtsloser wirken. Der Basler Christian Knörr zeigt 24 Fotos seiner Serie „Streetviews“, die in den letzten vier Jahren entstanden sind. Der Titel spielt auf die Verfügbarkeit von Straßenansichten an, wie es Google-Street-View mit sich gebracht hat. Knörrs Aufnahmen sind an unterschiedlichsten Orten entstanden und doch scheint es, sie könnten von einem Ort stammen. Je weiter man sich vom Zentrum einer Stadt entfernt, desto ähnlicher werden die Ansichten.

Urbane Landschaftskulissen.

Kunsthaus L6

Lameystr. 6, Freiburg.

Öffnungszeiten: Donnerstag, Freitag 16 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 11-17 Uhr.

Bis 3. August.




Kunsthaus L6