05/07/14

Raum durch Wiederholung

Die Fondation Beyeler widmet dem Übermaler Gerhard Richter eine große Retrospektive seiner Zyklen, Reihen und Serien

von Christian Gampert
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Gerhard Richter,
 Seestück, 1975
, 
Privatsammlung, New York
 © 2014 Gerhard Richter

Die Fondation Beyeler widmet dem Übermaler Gerhard Richter eine große Retrospektive seiner Zyklen, Reihen und Serien

So hat man Gerhard Richter noch nicht gesehen. Keine Retrospektive, keine thematische Ausstellung. Sondern: In jedem Raum werden großformatige abstrakte Arbeiten mit meist kleineren gegenständlichen Werken konfrontiert, verschiedene Werkphasen werden spielerisch zueinander in Bezug gesetzt, Farbtönungen und Serien werden wie Leitmotive durchgespielt.

Die Eingangssequenz erzählt mit den intimen Mutter-Kind-Bildern aus den 1990er Jahren, als Reflex auf die religiöse Malerei, vom Anfang des Lebens. Dann öffnet sich die Schau in den großen Saal, wo eine Serie von sechs abstrakten Großformaten von 2006, die dem Komponisten John Cage gewidmet sind, das Musikalische dieses Werks betont und die Zeit der Reife feiert. Gegenüber hängen sechs rote Rhomben, in der Mitte steht eine erst kürzlich gefertigte Glasskulptur, ein durchsichtiger Tunnel. Das Ganze ist ein Klangraum der Farben, ein wunderbares großes Bühnenbild. Über verschiedene Stationen geht es dann zurück ins Grau und hin zum Tod, zu jenem Zyklus, der der RAF und den Stammheimer Selbstmorden gewidmet ist. Danach kommen die spiegelnden dunklen Diptychen, in denen der Besucher sich selber sehen kann, und ein gläsernes Kartenhaus, das Caspar David Friedrichs Eisschollen zitiert.

Das ist, auf narrativer Ebene, der Leitfaden der Ausstellung: von der Wiege bis zur Bahre. Formal ist sie natürlich noch einmal anders gestaltet. Da geht es darum zu zeigen, dass Richter alles nebeneinander denken kann und dass das Abstrakte und das Figurative, das sich sonst so arg bekämpft, bei ihm relativ friedlich koexistieren können. Vor allem aber greift das Konzept der Ausstellung auf die Biografie Richters zurück, der in seinen frühen Jahren in der DDR zum Wandmaler ausgebildet wurde. Und wie Wandmalereien wirken die Reihungen wilder Großformate in der Fondation Beyeler, die sich nach draußen in den Park öffnet, wo sich Richters Farben nochmals wiederholen. Die Idee, sich auf Serien und Räume zu konzentrieren, lag für Kurator Hans Ulrich Obrist nahe. Architektur und Raum, sagt er, spielten schon in den 1950er und 1960er Jahren eine wichtige Rolle in Richters Werk. Eine Ausstellung, die sich diesen Aspekt widmet – den Zyklen, Reihen und Serien – habe es noch nie gegeben:

Weit verstreute Bilder werden so wieder zusammengebracht. Richters „Verkündigung nach Tizian“, die das Kunstmuseum Basel kurz vor Eröffnung der Schau durch eine großzügige Schenkung erwerben konnte, ist hier nach langer Zeit wieder als Zyklus zu sehen. Frühe, nach Fotos gemalte, in der Tradition der Pop-Art stehende Werke wie die „Acht Lernschwestern“ von 1966 kann man ebenso wieder betrachten wie die sich vom Betrachter abgewandte „Betty“, die in der Unschärfe verschwimmende Kerze oder verschiedene Seestücke und Himmelsbilder mit ihrer milchigen, wattigen blauen Leere.

Vor allem aber ist diese Ausstellung virtuos komponiert: Jeder Saal hat eine eigene Atmosphäre, einen eigenen Farbton, ein Thema – und ein winziger Hinweis, ein Tupfer bringt gleich das nächste Motiv ins Spiel. Noch in der kleinen – oder vielmehr – großen Kapelle, die der Kurator für Richters Tafeln mit den 4.900 kräftigen, grellen Popfarben eingerichtet hat und die mitten im Museum wie leuchtende abstrakte Kirchenfenster wirken, noch da ist ein kleines graues Bild platziert. Gleich nach der einem neugeborenen Kind gewidmeten Eröffnung springt man ins Alterswerk, in die „Strips“, die flirrenden, acht Meter langen, digital hergestellten Streifenbilder, die wiederum den vertikalen Farbquerschnitt eines früheren Werks ins Quasi-Unendliche verlängern. Dann jene späten Bilder, auf denen Lackfarben ineinanderfließen. Und natürlich die Farbwucherungen der seriellen abstrakten Großformate.

Das Denken in Serien hat natürlich auch ökonomische Gründe: Es ist auch Fabrikation, zumal die Einzelwerke sehr hoch gehandelt werden. Aber: Der jetzt 82-jährige Gerhard Richter erfindet sich ständig neu, und obgleich auch er nicht unsterblich ist, so zeigt diese Ausstellung: Als Künstler steht er noch mitten im Leben.      

 

Gerhard Richter: Bilder / Serien.

Fondation Beyeler

Baselstr. 101, Riehen / Basel.

Öffnungszeiten: Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 18.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 7. September 2014.




Fondation Beyeler