05/07/14

Werkzeugmacher der Welterkenntnis

Eine Ausstellung im ZKM Karlsruhe würdigt die Pioniere Beuys, Brock, Vostell

von Leonore Welzin

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Joseph Beuys, Büro der Organisation für direkte Demokratie auf der documenta 5 im Museum Fridericianum, 1972, Joseph Beuys und Hans Hollein, Foto: Brigitte Hellgoth, © documenta Archiv © Estate of Joseph Beuys / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Eine Ausstellung im ZKM Karlsruhe würdigt die Pioniere Beuys, Brock, Vostell

Nein, Beuys ist nicht mit Hut, Filz und Fett geboren. Nein, Brock hielt nicht nur Vorträge und stand Kopf. Ja, Vostell hat als erster die Leinwand durchbohrt, um das mediale Flimmern sichtbar zu machen, das Ende der 1950er Jahre am Horizont wetterleuchtet. Eines der frühesten Bilder, in dem ein Fernseher Teil einer Assemblage wird, ist Vostells „Transmigración II“ (1958). Das Karlsruher ZKM hat mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder dieses Werk erworben; zu sehen ist es jetzt in der Ausstellung „Beuys Brock Vostell“. Die Schau präsentiert drei Pioniere der deutschen Nachkriegsmoderne, die bis dato von der Kunstgeschichte nur singulär behandelt wurden, dabei wurde übersehen, dass Wolf Vostell (1932-1998), Bazon Brock (*1936) und Joseph Beuys (1921-1986) befreundet waren. Rund 40 Aktionen haben sie zusammen durchgeführt, sogar eine gemeinsame Publikation war angedacht, wie Vostell 1964 in einem Brief an Brock schreibt: „Umso besser können wir eine sinnvoll-schlagkräftige Publikation BBV (Beuys Brock Vostell) vorbereiten mit viel Text, ebenfalls Plakat. Lass uns etwas Zeit dafür.“

Besser spät als nie, mag ZKM-Direktor und Kurator Peter Weibel gedacht haben, als er diese Idee 2008 aufgreift und, unterstützt von Bazon Brock sowie den Künstlerwitwen Eva Beuys und Mercedes Vostell, rund 1000 Exponate zusammenträgt. Ein Konvolut aus Zeichnungen, Objekten, Texten, Installationen und Assemblagen neben einer immensen Anzahl von Foto-, Film-, Video- und Ton-Dokumenten. Darunter befinden sich auch verschollen geglaubte Werke, und solche, die erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden, wie Fotos des gemeinsamen Auftritts 1964 in der ZDF-Sendung „Die Drehscheibe“.

Keine leichte Aufgabe für die Gestalter, die unterschiedlichsten Artefakte aus der Zeitspanne von 1956 bis 1977 in ein schlüssiges Konzept zu bringen. Dem Team von Holzer Kobler Architekturen ist dies durch einen transparenten Medienraum gelungen, dessen Herzstück die gemeinschaftlichen Aktionen bilden. Entlang eines am Boden markierten Zeitstrahls werden historische Ereignisse benannt, die die Arbeiten der Künstler beeinflusst haben und dem Besucher chronologische Zuordnungen ermöglichen. Eine abgedunkelte Videogalerie mit großflächigen Projektionen vervollständigt das Konzept.

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Wolf Vostell, Das Ei , 1977, Sammlung Museo Vostell Malpartida, © Wolf Vostell / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Sensibilisiert durch die Teilung Deutschlands und den Kalten Krieg, haben sich die Künstler politisiert. Frühe Arbeiten von Vostell wie der „Zyklus Schwarzes Zimmer“ (1958) oder Brocks „Lagerkonzert“ (1959) thematisieren Kriegserfahrungen und Holocaust. Beuys sagt: „Dieser Schock nach Ende des Krieges ist mein eigentliches Urerlebnis, was dazu geführt hat, dass ich begonnen habe, mich mit der Kunst auseinanderzusetzen, im Sinne eines radikalen Neubeginns.“ In der Verschränkung von Kunst und Leben zeigen sie grundlegende Positionen der Performativität auf. Aus Malerei und Collage werden Aktionsmalerei, Dé-Coll/age und Happening (Vostell), aus Literatur wird Aktionsliteratur sowie multimediales und partizipatorisches Theater (Brock) und aus Skulptur wird  „soziale Plastik“, Aktionsmusik und Demonstrationen (Beuys). Neben spektakulären Auftritten, mit denen sie in den 1960er-Jahren Furore machen, verbinde die drei eine Vision, so Weibel. Brock, der das  weniger pathetisch sieht, erklärte bei der Vorbesichtigung: „Wir sind Werkzeugmacher, die der Welt Instrumente der Erkenntnis zur Verfügung stellen“. 

Die Musealisierung der Aktionskunst, sei eine notwendige Zivilisationsstrategie, meint Brock. Er sieht in der Ausstellung „einen Prospekt der Perspektiven, die heute für jeden wichtig sind.“ Wirklichkeitstauglicher solle, ja müsse der Mensch werden, meint der Philosoph in Anbetracht akuter Fragen: „Was kann ich als Einzelner überhaupt noch über die Welt wissen? Wie kann ich als Individuum etwas zum Ausdruck bringen, wenn ich keine Armee, keinen Papst, keinen Bischof, kein Geld, keinen Markt hinter mir habe? Wie kann ich als dieses kleine, menschliche Existenzbündel einen Anspruch auf Weltgeltung erheben?“     

Beuys Brock Vostell.

ZKM

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 9. November 2014.

 




ZKM