04/07/14

Spaziergang um seiner selbst willen

Die Ausstellung "Taking a Line for a Walk" im Paul Klee Zentrum befasst sich mit der Linie und der Schrift

von Annette Hoffmann
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Brice Marden, Chinese Dancing, 1994-96, UBS Art Collection, © 2013 ProLitteris, Zürich

Die Ausstellung "Taking a Line for a Walk" im Paul Klee Zentrum befasst sich mit der Linie und der Schrift

Diese Steilvorlage war einfach zu verführerisch: „Want / to be / your / dog“ liest der Betrachter schwarz auf weiß auf der unbetitelten Arbeit von Christopher Wool aus dem Jahr 1992. Tja, die meis­ten Leute führen ihre Hunde aus, Paul Klee die Linie. Als einen Punkt, der sich in Bewegung setzt, hat Klee einmal die Linie bezeichnet und als einen „Spaziergang, um seiner selbst willen, ohne Ziel“. Wenn die aktuelle Ausstellung im Berner Paul Klee Zentrum „Taking a line for a walk“ heißt, bezieht sich der Titel auf Klees Verständnis der Linie. Und das ist einerseits von sehr dynamischem Charakter und stattet den Zeichnenden andererseits mit der Absichtslosigkeit eines Flaneurs aus. Die Linie, die in dieser thematischen Ausstellung wie ein Hund ausgeführt wird, formt sich nicht selten zur Schrift. Bei Christopher Wool (*1955) ergibt diese durchaus Sinn, wenn auch das Lesen erschwert wird, da der amerikanische Künstler semantische Einheiten grafisch auseinander reißt. Bei anderen Malern bleibt die Schrift enigmatisch. So lassen sich die Buchstaben auf Olav Christopher Jensens (*1954) Bildern kaum zu einem Wort oder gar Satz zusammensetzen, obwohl Titel wie „Palindrome“ zumindest Bedeutung in Aussicht stellen. Und Paul Klee selbst? Klee (1879-1940) gibt einzelnen Buchstaben wie dem „E“ eine Bühne, er arbeitet häufig mit Zeitungsseiten oder verfremdet Worte. So drängt sich in seiner Arbeit „Anfang eines Gedichtes“ aus dem Jahr 1938 zwischen die Worte „am“ und „Fang“ auf den ersten Blick die Zeichnung eines Astes. Doch folgt man den Ziffern in diesem Buchstabensalat und setzt die zugehörigen Worte zusammen, bildet sich der pragmatische Rat „So fang es einfach an“.

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Jonathan Lasker, How to be Unique, 1993, Courtesy Kienzle Art Foundation, © the artist

Die Ausstellung „Taking a line for a walk“, die Bilder, Zeichnungen und Papierarbeiten von insgesamt acht Künstlern zeigt, verzichtet auf eine spektakuläre Inszenierung – ein breiter Gang trennt die Reihen der Stellwände voneinander – und sie befriedigt nicht vordringlich die reine Schaulust. Die Linie ist auch ein argumentativer Faden. Denn was passiert, wenn die Schrift zum bildnerischen Element wird, ist die Leitfrage an alle Werke. Die Themenschau nimmt die spontane Gestik von Cy Twombly (1928-2011) ebenso auf wie die analytisch-humorvollen Systeme Jonathan Laskers (*1948) oder die écriture automatique eines Henri Michaux (1899-1984). Die Wiederholung emanzipiert sich von der Einübung des Schreibens und wird zum Selbstzweck. Schrift kann zur Chiffre werden, zur Arabeske, die über sich selbst hinausweist und eine eigene Ästhetik in sich birgt. So wie die Linien, die sich über Brice Mardens (*1938) Großformat „Chinese Dancing“ ziehen, von heiterer Souveränität sind. Sie meinen nicht mehr als sie sind.         

Taking a line for a walk

Zentrum Paul Klee

Fruchtland 3, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 17. August 2014.

Katalog bei Snoek, Köln, 48 Euro | 69 Franken.




Zenrum Paul Klee